Berlinale 2016

Wim Wenders im Interview

Wim Wenders

tip Herr Wenders, „Pina“ ist nach dem Tod von Pina Bausch in der Vorbereitungsphase des Projekts zu einer Art Requiem geworden. Was hatten Sie ursprünglich geplant? Einen biographischen Film?
Wim Wenders Nein, „biografisch“ wäre der Film, den ich mit Pina zusammen machen wollte, auch nicht geworden. Es wäre auch da vor allem um ihre Arbeit gegangen, so wie jetzt. Aber ich hätte sie bei der Arbeit beobachten können, und wir wären mit ihr und dem Ensemble nach Südamerika und Asien gereist. All das ging nun nicht mehr. Aber die Arbeit selbst war noch da, monumental, einmalig und bahnbrechend wie eh und je. Und ihre Tänzer waren noch da, ihr Orchester, wenn Sie so wollen, Pinas Sprachrohr, ihr Instrumentarium. Sie sagen „Requiem“, aber wir hatten keine Bezeichnung für das, was wir gemacht haben. Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit … dabei ist aber überhaupt keine traurige Arbeit zustande gekommen, im Gegenteil! Wir hatten ja ein gutes Vorbild. Pina hat gerne gelacht, ihre leichtesten Stücke hat sie in ihren schwersten Zeiten gemacht.

tip Ihre Filme sind oft Roadmovies, die Stücke von Pina Bausch waren für Bühnenräume inszeniert.
Wim Wenders Pinas Bühnenraum ist manchmal unendlich, wie das Weltall. „Sacre du printemps“ ist ein abstrakter Raum, die Erde selbst. Später kamen immer mehr Landschaften vor, Berge und Täler, Lavaflüsse, Felsen, Flüsse und Meere, die Elemente waren ihr sehr wichtig. Über die Videoprojektionen, die sie in den 80er-Jahren in ihre Stücke gebracht hat, kam eine große Weite hinein. Aber wichtiger war ihr, wovon die Stücke handeln, von unserer Sehnsucht, unserer Suche nach Liebe, nach Identität, wo man hingehört, wer man ist. Pinas Stücke handeln oft auf ähnliche Art von Frauen, wie meine Filme von Männern gehandelt haben.

Pinatip Haben Sie ihre Arbeit über die Jahre immer begleitet?
Wim Wenders Nachdem ich Pinas Arbeit einmal kannte, war ich geradezu süchtig danach und habe mich immer wieder aufs Neue darin hineinfallen lassen. Man war da einfach wunderbar aufgehoben! Und immer wieder unmittelbar einbezogen in ihre große permanente Recherche. Sie betrieb wirklich eine ständige Forschungsarbeit. Ich kenne niemanden im Theater oder im Film, der so radikal wie Pina untersucht hat, was Menschen allein durch Bewegung und Gesten von sich erzählen. Was zwischen Männern und Frauen passiert, ohne Worte meist, nur durch die Bewegungen, durch Anstoßen und Abstoßen. Pina ist mitten in dieses Gelände zwischen Männern und Frauen hineingegangen, ohne Sprache, Psychologie oder Dramaturgie, ganz phänomenologisch. Wie erzählt man die Geschichten der Sehnsucht und Liebe ohne „Handlung“, nur mit der universellsten Sprache, der Körpersprache? Auch wenn man nur dasitzt und guckt und nicht mittanzt, ist man doch dabei und macht mit. Jeder Zuschauer hat das gespürt: Das handelt auch von mir!

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