Berlinale 2016

Woche der Kritik 2016

Woche der Kritik 2016

Es ist der zweite Anlauf für die „Woche der Kritik“, und geht es nach den Wünschen der Veranstalter, soll es zwischen dem 11. und 18. Februar im Kino Hackesche Höfe noch ein bisschen heißer hergehen als in den restlichen Sälen rund um den Potsdamer Platz. Angestrebt werden ein „lustvoller Streit“, Debatten und Kontroversen. Bei der „Woche der Kritik“ soll Raum geschaffen werden, um jene Diskussionen in die Wege zu leiten, die sich während der Berlinale anbahnen, aber verlaufen. Das Filmprogramm ist dabei ein unbedingt diverses. Andrzej ?u?awski („Possession“) stellt mit „Cosmos“ seinen ersten Film seit 15 Jahren vor. Und Denis Cфtй („Vic + Flo haben einen Bären gesehen“) den Kurzfilm „May We Sleep Soundly“. Letzterer erzählt die Geschichte einer körperlosen Gestalt, die Fremde beim Schlafen beobachtet. Ein unheimliches Sujet, das Cфtй in einem winterlichen Quйbec ansiedelt.
Unheimliches geschieht auch im Spielfilm „Eva Doesn’t Sleep“ des Argentiniers Pablo Agüero. Wobei ein gewisses Unwohlsein wohl auch von der Tatsache herrührt, das die von Agüero beschriebenen Vorkommnisse auf wahren Begebenheiten beruhen. „Eva Doesn’t Sleep“ berichtet vom Transport des Leichnams von Eva Perуn, der 1952 im Alter von nur 33 Jahren verstorbenen Polit-Ikone und First Lady, deren Körper nach der Machtübernahme der Militärjunta verschwinden sollte. Agüero orchestriert seinen Film mit dokumentarischen Archivaufnahmen, welche Paraden und Massendemonstrationen zeigen, aber auch gefallene Soldaten und Zerstörung. Außerdem rekonstruiert er die Einbalsamierung von Perуns Körper mit einer fast nekrophilen Zärtlichkeit.
Ebenfalls düster, doch ungleich leidenschaftlicher geht es in Philippe Gandrieux’ „Malgrй la nuit“ zu. Es ist eine eher lose Aneinanderreihung dramatischer Szenen voll Erotik und Schmerz, in denen zumeist junge, schöne Franzosen einander begehren. Manchmal kommt es zu gemeinschaftlichen Exzessen in einem Waldstück, im Zentrum aber steht mehr oder weniger die Amour fou zwischen Lenz und Madeleine. Doch  Madeleine rückt immer wieder aus dem Sichtfeld des Liebhabers, was diesen wiederum in den Wahnsinn treibt. Ein Reigen, der sich vor allem in Großaufnahmen ausdrückt und das Gefühl suggeriert, sehr nah dran zu sein. Und der die zum Teil entgrenzenden Gewalt- und Liebesszenen auf einen minimalen Abstand reduziert, was absorbierend und abstoßend gleichermaßen wirkt.
Weniger plastisch und hautnah ist Lewis Klahrs Langfilm „Sixty Six“. Klahr, der sich seit vielen Jahren mit einer Übertragung von Pop-Art- und Comic-Elementen ins Filmische beschäftigt, frönt in „Sixty Six“ hemmungslos dem Pulp, einer Magazin-Gattung, die aufgrund ihrer reißerischen Storys gern in die Schundecke sortiert wird. In liebevoller und langjähriger Arbeit – Klahr hat mehr als eine Dekade in seine experimentelle Collage investiert, die sich aus zwölf kürzeren Filmen zusammensetzt – erweckt der Künstler nun alle zu neuem Leben: die zweidimensionalen 40er-Jahre-Göttinnen mit bläulich-schwarzem Haar, blonde Diven, amerikanische Superhelden, unerfüllt Liebende mit Waffen in den Taschen. „A melodrama in miniature“, schrieb die New York Times über „Sixty Six“.
Wie alle „Woche der Kritik“-Programme kommt auch „Sixty Six“ mit einem eigenen Diskussionsschwerpunkt daher. Im Anschluss an die Vorführung wird es um die Fragen nach einer Verschränkung zwischen Film- und Kunstbetrieb gehen. Unter dem Thema „AUSSTELLEN – Kein Kunstbetrieb ohne Bewegtbild. Wo aber findet sich der Kunstbetrieb im Kino wieder? Über das Vergnügen auszustellen, sich ausstellen zu lassen und überflüssige Ordnungen zu schaffen“ treten Alexander Horwarth, ?Lewis Klahr und Michael Salu miteinander ins Gespräch. Der Epilog von „Malgrй la nuit“ konzentriert sich indessen auf „VERFÜHRUNG – Kino als Gratwanderung zwischen Hingabe und Überwältung“, während der „Eva Doesn’t Sleep“-Block mit dem schönen Begriff „AURA“ überschrieben ist.
Besonders empfohlen sei schließlich noch „Coma“ von Sara Fattahi, ein anspruchsvoll gestalteter Dokumentarfilm, der auf kleinstem Raum – einer Wohnung in Damaskus – das immer enger und bedrohlicher werdende Leben in der syrischen Stadt festhält. Regisseurin Fattahi heftet sich dabei an die Gesichter ihrer Großmutter und Mutter, die in jener Wohnung leben und sich nach Schutz und dem verlorenen Lebensstil sehnen. Ein beklemmendes Dokument, das einen Zustand des Stillstands zeigt, ohne eine Lösung anzubieten. „

Text: Carolin Weidner

Foto: JBA Production, Haddock Films

Die Woche der Kritik 2016 findet vom 11. bis 18.2. im Kino Hackesche Höfe statt und ist eine Veranstaltung des Verbands der deutschen Filmkritik in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung, gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

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