Berlinale 2016

Zehn Berlinale Highlights

Wer wenn nicht wir(1) – Der terroristischste Film
Andres Veiel („Black Box BRD“), vielfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer, präsentiert im Berlinale Wettbewerb sein Spielfilmdebüt „Wer wenn nicht wir“. Im Mittelpunkt steht die Liebesbeziehung von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, Sohn des NS-Schriftstellers Will Vesper. Bernward Vesper, der zeitlebens literarisch und persönlich mit dem Schatten des Vaters rang und sich 1971 das Leben nahm, steht wie kein Zweiter für die schizophrene Verlorenheit einer ganzen Nachkriegsgeneration. Ein gewagter neuer filmischer Blick ist also zu erwarten, auf die komplexe Psychologie und Vorgeschichte der RAF und auf die deutsche Nachkriegsgeschichte, jenseits der bekannten medialen Bilderschlaufen. Für die Entstaubung des kollektiven Gedächtnisses sorgen Lena Lauzemis (Gudrun Ensslin), August Diehl (Bernward Vesper) und Alexander Fehling (Andreas Baader).

(2) – Der verbotenste Regisseur
Es war eine demonstrative Einladung, mit der die Berlinale den in seinem Heimatland politisch verfolgten iranischen Regisseur Jafar Panahi in die diesjährige Wettbewerbsjury berief. Aber wie schon im Falle von Cannes, Locarno und Venedig im Vorjahr ließen sich die Behörden in Teheran nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Sie verurteilten Panahi trotz weltweiter Proteste zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot. Zum Protest dagegen zeigt das Festival alle seine Filme, verteilt auf alle Sektionen: „Offside“ (für den der Regisseur 2006 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde) läuft im Wettbewerb. Auch der Platz in der Jury wird weiter offen gehalten.

Dreileben(3) – Das längste Werk
„Dreileben“ ist nicht ein Film in drei Episoden, sondern drei eigenständige Filme. Sie teilen sich aber einen Ort, nämlich das thüringische Suhl und Umgebung, die Zeit, nämlich acht träge Tage im Sommer, und die eine oder andere Figur. „Geschwisterfilme“, sagen die Regisseure dazu, Filme, in denen gelegentlich eine Tür zu den Geschichten der anderen aufgeht. Christian Petzold erzählt von einem Zivildienstleistenden im Widerstreit zwischen Karriere und Eros. Bei Christoph Hochhäusler erblicken wir die Welt mit den Augen eines fliehenden Mannes. Und in Dominik Grafs Film müssen zwei Freundinnen erkennen, dass sie Entscheidendes voneinander nicht wussten. Auf der Berlinale laufen „Komm mir nicht nach“ (Graf), „Etwas Besseres als den Tod“ (Petzold) und „Eine Minute Dunkel“ (Hochhäusler) als 270-minütiges Triplefeature. (Forum/Panorama)

(4) – Die schärfsten Kratzer
Die Berlinale Sektion Forum Expanded holt Film- und Videoinstallationen aus dem Kontext von Galerien und Museen zurück ins Kino. „Surface Noise“ ist eine konzentrierte Ansammlung von Staub, Kratzern und anderen Störungen, die Filmmaterial beeinträchtigen. Für ihre Arbeit haben David Phillips, Paul Rowley und Tim Blue eine Software, die normalerweise die Unreinheiten aus dem Material filtert, so umprogrammiert, dass nur noch das Rauschen auf dem Film geblieben ist, passend zum unruhigen Originalmaterial, das Szenen von Demos und Straßenkämpfen versammelt. Bizarrer Effekt: Aus dem Flicker schälen sich mitunter erneut wiedererkennbare Formen und Gestalten. (Forum Expanded)

(5) – Der älteste Playboy
Was Rolf Eden genau macht, ist nicht immer ganz klar. Bis 2002 betrieb er eine Diskothek am Ku‘damm, daneben macht er in Immobilien, und auch als Schauspieler ist er gelegentlich zu sehen. Für die Öffentlichkeit aber ist Rolf Eden vor allem eins: ein Playboy, bei dem man zwar nicht sofort an Cфte d’Azur und Hautevolee denkt, der sich aber doch zumindest häufig mit jungen Damen fotografieren lässt. Peter Dörfler, der in seinem Dokumentarfilm „Achterbahn“ schon einmal eine grandios gescheiterte Berliner Existenz geschildert hat, porträtiert Rolf Eden in seinem Film „The Big Eden“. (Panorama)

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