Berlinale: Wettbewerb

Teströl és lélekröl (Körper und Seele)

Das geht ja sensationell gut los: Der zweite Film im Wettbewerb ist eine bärenwürdigen Liebesgeschichte

Tiere können keine Romanzen haben. Doch wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen, der Hirsch und eine Hirschkuh, die da gemeinsam durch den verschneiten Wald traben, wären ein Liebespaar.

Zwei Menschen können nicht dasselbe träumen. Doch Endre und Mária tun es. Nicht weil sie sich gut kennen. Im Gegenteil, sie sind gerade erst Kollegen geworden in einem Schlachthof in Budapest, in dem Emre schon sehr lange Geschäftsführer ist und Mária kürzlich als Qualitätskontrolleurin angefangen hat. Emre ist um die 55 Jahre alt, sein linker Arm ist gelähmt. Mária, sie könnte 30 sein, ist extrem zurückhaltend, überpräzise und mit einer fast schon unheimlichen Merkfähigkeit ausgestattet. Diese Hochbegabung geht mit einer sozialen und emotionalen Minderbegabung einher, die sie sofort zur Außenseiterin an ihrem Arbeitsplatz macht.

Ein Schlachthof, das ist ja ein ungemein starkes Setting für einen Film. Trotzdem tritt es erstaunlich schnell in den Hintergrund. Denn die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi zeigt nicht das große Ganze und das emotionale sowie moralische Dilemma dieser Tötungsfabrik, sondern zerlegt ihre Motive in Ausschnitte: die in den Schlachthof kommenden Kühen, das Töten, Details der Maschinen. Und sie lenkt den Blick damit auf die Oberflächen. Das Fell der Tiere. Ein abgehackter, vom warmen Blut dampfender Kuhkopf. Die freigelegten Muskeln. Die Ströme von Blut auf den weißen Fliesen. Was unter anderer Regie auch einen guten Stoff für eine sozialkritische Milieustudie abgeben würde, wirkt bei Enyedi, die ihre Karriere als Konzept- und Medienkünstlerin begann, wie ein abstraktes Bild. Der Schlachthof ist im Detail ein Motiv zum Hinschauen, nicht zum Wegsehen.

Insgesamt ist „Teströl és lélekröl“, zu deutsch: „Körper und Seele“, geradezu obsessiv mit den Oberflächen beschäftigt. Mit einem extrem genauen, sich Zeit lassenden Blick auf die Objekte und die Körper. Um sich vom Studium der Oberfläche aus der Frage zu nähern, wie man denn von dort aus einen Blick in die Seele des Menschen werfen kann. Es gibt einen Diebstahl im Schlachthof von Bullenpulver, ein Medikament, das Stiere geil macht – und eben auch Menschen. Wird man dem Mitarbeiter seine Schuld ansehen? Oder kann eher die Psychologin mit ihrem Fragebogen ins Innere der Schlachthofangestellten eindringen?

Die Psychologie ist das klassische Fach, mit dem wir uns ein Bild von der Seele des Menschen machen wollen. Sie identifiziert den Dieb. Sie stößt ganz nebenbei darauf, dass Endre und Mária auf so ganz unwissenschaftlich-wundersame Weise in den Winterwaldszenen voneinander träumen. Die Psychologie versagt aber auch ganz kläglich, so dass es fast zu einem Tod kommt. Eine Szene, die so eindringlich ist, dass es mir (obwohl ich versucht habe, nicht hinzusehen) im Kino tatsächlich schwarz vor Augen wurde.

Das Weg- und das Hinsehen. Die ebenso banale wie erhabene Schönheit der Oberfläche des Menschen und die Komplexität der Welt, die sich dahinter, darunter, im Inneren verbirgt. Nichts verbindet beides, die Körper und Seelen, so intensiv wie die Liebe. Sie macht die beiden Ebenen so durchlässig. Das ist schön und eben auch unerklärlich. Wie der Traum von den Hirschen. „Teströl és lélekröl“ ist eine große Liebesgeschichte und ein großartiger Film.

HUN 2017, 116 Min, R: Ildikó Enyedi, D Alexandra Borbély, Géza Morcsányi, Réka Tenki

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