Kommentar

Jenseits klassischen „Bären-Materials“

Dass mit dem rumänischen „Touch Me Not“ ein Experimentalfilm die diesjährige Berlinale gewann, kann der aktuellen Diskussion nur gut tun, findet tip-Filmexperte Bert Rebhandl

Bert Rebhandl

Die große Berlinale-Jury hatte sich dieses Mal ein besonderes Programm verordnet: Sie wollte nicht einfach einen besten Film auszeichnen, sie wollte zeigen, „wo’s vielleicht noch hingehen könnte“ mit dem Kino. Als Jury-Präsident Tom Tykwer mit dieser Formulierung die Auszeichnungen anmoderierte, hätte wohl kaum jemand gedacht, dass sie vor allem auf Adina Pintilies „Touch Me Not“ (Foto, © Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l’Etranger) gemünzt war. Der Goldene Bär für diese rumänische Koproduktion, die zu wesentlichen Teilen in Deutschland entstanden ist, sorgt seither für heftige Diskussionen.

In gewisser Weise ist „Touch Me Not“ ein Experimentalfilm, oder zumindest einer, der so tut, als hätten bestimmte Avantgarde-Gesten (das Abbrechen der „vierten Wand“ der Kamera) mit der (sexuellen und therapeutischen) Überschreitung von Behinderungen und Identitätsmustern zu tun. Dass das Kino insgesamt mehr mit dem Leben zu tun haben sollte, dass es also intimer, ungeschützter, riskanter sein müsste, das ist wahrscheinlich die Anmutung, auf die die Berlinale-Jury hinauswollte. Sie hat dafür ein paar Filme, die eher klassisches „Bären-Material“ waren, ignoriert, und sich gleichzeitig der diesjährigen Berlinale-Parole unterworfen, dass Fragen von Sexualität, Geschlecht und (Ohn)Macht im Mittelpunkt stehen sollten.

Die Kontroverse, die daraus folgt, ist voll mit den Ironien, die auch in der allgemeineren Berlinale-Diskussion eine Rolle spielen: denn die Kritiker der Jury-Entscheidung stoßen sich nun vor allem daran, dass der „Goldene Bär“ dieses Jahr vor allem im Zeichen von bestimmten Anliegen stand (dass also eher politische als ästhetische Kriterien im Vordergrund standen). Dahinter ist der allgemeinere Vorwurf zu erkennen, die Berlinale verstünde nichts von Filmkunst, und rede sich ständig auf Politik hinaus.

„Touch Me Not“ ist sicher ein Grenzfall, und vielleicht nicht so sehr ein Beispiel dafür, wo es mit dem Kino noch hingehen könnte, sondern wo es mit einer Kultur insgesamt hingehen könnte, in der die Grenzen zwischen Individualität und Medientechnologie gerade wieder einmal neu gezogen werden. Einen Vorzug hat dieser Goldene Bär aber auf jeden Fall: Nun kann die Berlinale-Debatte mit neuen und konkreteren Beispielen munter weiter geführt werden.

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