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Berlinale 2020

Wettbewerb: Rezension von Benoît Delépine und Gustave Kerverns „Effacer l‘historique“ („Delete History“)

Früher waren sie mal bei den Gelbwesten aktiv, Marie, Bertrand und Christine, die drei Freunde aus der Nachbarschaft, die eine gesichtslose Vorort-Siedlung zwischen Autobahnabfahrten und Monokultur irgendwo in Frankreich ist. Von einem Kreisel mit absurder, quaderförmiger Heckenbepflanzung ging ihr Protest aus – und verhallte ungehört.

© Les films du Worso – No Money Productions – France 3 Cinéma – Pictanovo – Scope Pictures – 2019

Inzwischen schlagen die drei sich so durch, durch ihre unspektakulären Leben: mit kläglichen Mini-Jobs und Schulden, verkrachten Beziehungen und Kindersorgen. Was es auch nicht einfacher macht, sind die Tücken der digitalen Kommunikation, die Bosheit der asozialen Medien, die Allmacht der Tech-Giganten mit ihrer Datenspeicherung und Rundum-Überwachung, die grundsätzliche Gleichgültigkeit der künstlichen Intelligenz. Dazu noch das Leid mit den Hotline-Nummern, Warteschleifen, Passwörtern, Online-Formularen und DIY-Terminals.

Klingt bekannt? Genau, in ihrem neuesten Streich haben sich die liebevollen Grobkomiker Benoît Delépine und Gustave Kervern den mittlerweile ganz normalen Alltagswahnsinn des digitalen Zeitalters vorgenommen. Denn als Marie wegen eines Sextapes erpresst wird, Bertrand seine Tochter vor Cyber-Mobbing schützen will und Christine über die Online-Bewertungen ihres Fahrdienstes zu verzweifeln droht, gilt es, sich zu solidarisieren und gemeinsam gegen die Datenkrake vorzugehen. Im Zuge dessen wird an der Satire-Schraube gedreht, werden böse Scherze getrieben und irre Witze inszeniert sowie vielfach wohlgesetzte Pfeile mitten ins Herz des auf zahlreichen Screens herumtatschenden Users geschossen. Und Gnade gibt es nur in Verbindung mit Ironie.

Zynismus aber lässt sich „Effacer l‘historique“ (Delete History) nicht zuschulden kommen. Denn wenn schließlich auf die gute alte Art und Weise mit Muscheln und Pappbechern miteinander kommuniziert wird, dann ist das in seinem rückwärtsgewandten Optimismus natürlich ziemlich naiv, hoffnungslos romantisch und völlig realitätsfern. Am Ende kommen ja doch wieder alle aus dem Kino und checken als erstes ihre Smartphones. Oder vielleicht doch nicht? Alexandra Seitz

Herausragend

Termine: Effacer l‘historique (Delete History) bei der Berlinale


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