Filmfestspiele

Berlinale 2021: Marx-Vampire und mörderische Einhörner an Tag drei

Der neue Film von Céline Sciamma ist eines der Prunkstücke der Berlinale 2021: „Petite maman“; in der Reihe Encounters überzeugt Julian Radlmaier mit Revolutionsfilm ohne Revolution: „Blutsauger“; und in der Reihe Generation 14plus weiß ein Film im Stil eines Underground-Comics zu gefallen: „Cryptozoo“


„Petite maman“ (Wettbewerb) von Céline Sciamma überzeugt uns

Joséphine Sanz und Gabrielle Sanz in einem Berlinale-Prunstück: „Petite maman“ überzeugt. Foto: Lilies Films

„Geheimnisse sind nicht immer Dinge, die man zu verstecken sucht. Manchmal ist nur niemand da, dem man sie erzählen kann.“ Diese kluge, aber traurige Lebensweisheit stammt aus einem Rollenspiel, das sich zwei kleine Mädchen ausgedacht haben, irgendetwas mit einer Schlossbesitzerin und einem Polizeiinspektor. Was die Sache etwas kompliziert macht, ist allerdings die Tatsache, dass eines der Mädchen gar nicht existiert, oder jedenfalls nicht so richtig. Sie ist, könnte man vielleicht sagen, eine sehr wirklich wirkende Figur in einem weiteren Rollenspiel, das sich das andere Mädchen imaginiert.

Die ganze Konstruktion erdacht hat sich die französische Autorin und Regisseurin Céline Sciamma, die zuletzt den großen Kritikerfolg „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ bei uns im Kino hatte und nun ihren Film „Petite maman“ als Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale 2021 zeigt.

Nelly lernt Marion kennen – der „Petite maman“ stellt sie Fragen zu ihrer depressiven Mutter

Ganz real ist in ihrer Geschichte die achtjährige Nelly (Joséphine Sanz), deren Eltern gerade das Haus der jüngst verstorbenen Großmutter ausräumen, das einst auch das Zuhause von Nellys Mutter Marion war. Nelly kennt das Haus aus Marions Erzählungen, legendär ist eine Hütte, die die Mutter als Kind im angrenzenden Wald baute, wenige Tage, bevor sie sich im Krankenhaus einer Operation unterziehen musste.

Als Nelly am nächsten Tag feststellen muss, dass ihre traurige Mutter abgereist und sie allein mit ihrem Vater im Haus zurückgeblieben ist, erkundet sie die Gegend und lernt im Wald ein gleichaltriges Mädchen (Gabrielle Sanz, Joséphines Zwillingsschwester) kennen. Es heißt Marion, baut gerade eine Hütte und muss in drei Tagen ins Spital.

Die neugewonnene Freundschaft zur „kleinen Mama“ bietet Halt und Trost sowie die Gelegenheit, sich Fragen beantworten zu lassen, die sich im Zusammenleben mit einer depressiven Mutter nun einmal aufdrängen. Und manchmal macht es auch einfach nur Spaß, beim gemeinsamen Pfannkuchenbacken mit Eiern und Milch herumzukleckern. 

Teddy-Gewinnerin Sciamma setzt kindliche Befindlichkeiten klug in Szene

Céline Sciamma hat sich in ihren Arbeiten schon oft mit Kindheit und Jugend auseinandergesetzt (das Drehbuch des tollen Kinder-Animationsfilms „Mein Leben als Zucchini“ stammt von ihr, und für den 2011 im Panorama der Berlinale gezeigten Coming-of-Age-Film „Tomboy“ gewann sie den Teddy-Jury-Preis), und vermag auch hier die Befindlichkeiten eines Kindes klug in Szene zu setzen. Denn was anfangs kompliziert erscheint, ist in Wirklichkeit ganz unprätentiös und durchaus ergreifend: die Annäherung an eine manchmal sehr entfernt wirkende Mutter mit den Mitteln der Fantasie.  Lars Penning

Petite maman, F 2021, 72 Min., R: Céline Sciamma, D: Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne


Blutsauger (Encounters) von Julian Radlmaier: Ein bisschen Marx, viel Klasse

Daniel Hoesl, Martin Hansen, Corinna Harfouch, Alexandre Koberidze, Alexander Herbst, Lilith Stangenberg in Blutsauger. Foto: faktura film

Karl Marx schrieb manchmal ein lustiges, heute altmodisch klingendes Deutsch. Dass das Kapital für seine Vermehrung die Tätigkeit der werktätigen Klassen „erheischt“, klingt heute fast rührend. Denn das Heischen ist inzwischen ganz schön druckvoll geworden, und ausgepresst wird nicht nur Arbeitskraft, sondern auch noch alles mögliche Andere, das sich nie anheischig gemacht hat, zur Profitakkumulation dienen zu wollen. Auf Gedanken dieser Art kann einen der Film „Blutsauger“ von Julian Radlmaier bringen, der bei der Berlinale 2021 in der Reihe Encounters läuft. Der Titel kommt von einer Metapher bei Marx: das Verhältnis der besitzenden zur arbeitenden Klasse hat etwas von Blutsaugerei.

Doch wer ist in der Gesellschaft konkret der Vampir? Oder gar die Vampirin? Julian Radlmaier arbeitet schon seit einiger Zeit an einem sehr eigenen Filmtypus, der auf eine latent komische Weise Theorie in Geschichten überführt. In diesem Fall treffen eine protestantische Fabrikantentochter, Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg, mit der wir hier über ihre Pläne 2021 sprachen), und ein russischer Emigrant, Baron Kobersky, aufeinander.

Welche Perspektive hat der arbeitende Mensch bei den reichen Leuten?

Es ist das Jahr 1928, und der Baron ist vielleicht gar keiner. Jedenfalls aber wurde er aus dem Revolutionsfilm „Oktober“ von Eisenstein hinausgeschnitten, und zwar auf Befehl Stalins. „Blutsauger“ erzählt von einem Klassenkampf, der sich als solcher gar nicht ausdrücklich zu erkennen gibt, sondern der eher schon bei der Frage der Metaphern stecken bleibt: Kann man mit Hammer und Bleistift dem richtigen Leben im falschen zum Sieg verhelfen? Gibt es für den arbeitenden Menschen eine andere Perspektive als die eines „Renommierproleten“ bei den reichen Leuten?

Von einem herkömmlichen Revolutionsfilm unterscheidet sich „Blutsauger“ schon einmal dadurch, dass es keine Revolution gibt. Stattdessen geht es um die langen Umwege des Bewusstseins, die hier in toller Landschaft und mit der Anmutung eines hintersinnigen Ausstattungsfilms zurückgelegt werden. Radlmaiers Ironie ist inzwischen so ausgeprägt und entwickelt, dass man dazu beinahe schon wieder einen Lesekreis einrichten könnte. Der könnte dann mit dem „Marx-kritischen Marx-Lesekreis“ fusionieren, mit dem „Blutsauger“ beginnt. Bert Rebhandl

D 2021; 127 Min.; R: Julian Radlmaier; D: Lilith Stangenberg, Alexandre Koberidze, Corinna Harfouch

„Cryptozoo“ (Generation 14plus) von Dash Shaw

Im „Crytozoo“ leben allerlei Fabelwesen, einige davon sind durchaus gefährlich. Foto: Cryptid Rescues, LLC

Wenn ein Paar der Liebe in der freien Natur frönt, die beiden nebenbei noch gegen den Vietnamkrieg agitieren und von einer gerechteren universellen Ordnung träumen, dann befinden wir uns wohl in den späten 1960er-Jahren. Doch wie Amanda, die Frau, auch gleich skeptisch anmerkt: „Utopien funktionieren nie.“ Ein paar Minuten später ist ihr Freund Matthew tot, aufgespießt ausgerechnet von einem Einhorn.

Ausgedacht und als Animationsfilm – für (angehende) Erwachsene – in Szene gesetzt hat diese bizarre Geschichte der amerikanische Comic-Zeichner Dash Shaw, dessen in der Berlinale-Sektion Generation 14plus gezeigter „Cryptozoo“ eine ungewöhnliche Lanze für die Gegenkultur bricht und sich stilistisch am ehesten zwischen Underground-Comic und fiktiven Illustrationen für Plattencover von 70er-Jahre-Progressiv-Rockbands verorten lässt.

Im Cryptozoo leben Bakus und mörderische Einhörner

Das mörderische Einhorn ist Bewohner ebendiesen Cryptozoos, Heimstatt und Gefängnis von mythischen Fabelwesen, zusammengetragen und mit guten Absichten erjagt von der Tierärztin Lauren Grey. Die sieht sich als Beschützerin der seltsamen Hybridwesen, die auf dem Schwarzmarkt hohe Preise erzielen. Momentan hat Lauren ihre Augen vor allem auf das Baku gerichtet, ein japanisches Fabelwesen, das sich von Träumen ernährt. Doch auch das Militär ist hinter dem Baku her – mit ihm will man die Träume der amerikanischen Love & Peace-Generation vernichten.

Auch wenn die Rolle des Schurken mit einem fiesen Militär-Söldner hier klar definiert ist, erzählt Shaw dennoch keinen simplen Gut-Böse-Konflikt. Denn letztlich ist auch das vermeintliche Refugium  Cryptozoo nichts anderes als eine äußerst dubiose Mischung aus Freakshow und Vergnügungspark, da kann Lauren sich die Sache so viel schönreden wie sie will. 

Doch in den mit einiger Vehemenz betriebenen Jagden und militärischen Auseinandersetzungen (sowie bei den Racheaktionen der wütenden Amanda) bleibt sowieso kein Stein auf dem anderen. Und so steht am Ende eine die Fabelwesen betreffende klare Erkenntnis: Wir brauchen sie, aber sie brauchen uns nicht. Sie können selbst auf sich aufpassen.   Lars Penning

Cryptozoo, USA 2021, 90 Min., R: Dash Shaw


Bert Rebhandl berichtet von der Berlinale, 3.3.2021


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