Filmfestspiele

Berlinale 2021: Am vierten Tag zeigt sich ein erster großer Favorit

Der Wettbewerb der Berlinale 2021 hat nun einen echten Favoriten auf den Goldenen Bären: „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ vom Georgier Alexandre Koberidze hat auch starke Berlin-Bezüge, denn der Regisseur hat hier studiert und gehört zu einer der interessantesten DFFB-Generationen seit langem. Außerdem an diesem Donnerstag neu und spannend: ein iranischer Film über das Thema Todesstrafe und ein argentinischer über ein autistisches Kind. Unsere Highlights vom vierten Tag der Berlinale 2021.


„Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“: Favorit auf den Goldenen Bären

Berlinale 2021: Ani Karseladze im Film "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen". Foto: Faraz Fesharaki/DFFB
Ani Karseladze im Film „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“. Foto: Faraz Fesharaki/DFFB

Verwünschungen sind etwas aus einer anderen Zeit. Wenn das stimmt, dann ist aber auch der Film „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ von Alexandre Koberidze aus einer anderen Zeit. Nicht unbedingt aus einer besseren, denn es gab niemals bessere Zeiten, die nicht auf eine andere Weise auch furchtbar gewesen wären.

Sicher ist, dass es sich um einen georgischen Film handelt, an dem Berlin einen großen Anteil hat, denn Koberidze hat an der DFFB studiert, und hat auch deutsche Filmförderung bekommen. Es war gut angelegtes Geld. „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ im Wettbewerb der Berlinale 2021 ist, wenn nicht alles täuscht, jetzt der große Favorit auf den Goldenen Bären. Ein großartiges Kinoerlebnis verspricht er auch: selten hat sich eine Online-Sichtung so sehr wie ein Versprechen auf eine Vorführung unter den dann richtigen Umständen angefühlt wie in diesem Fall.

Eine verwunschene Liebesgeschichte ist es, mit der Koberidze sich bei der Berlinale 2021 den Goldenen Bären sichern könnte. Foto: Faraz Fesharaki/DFFB
Eine verwunschene Liebesgeschichte ist es, mit der Koberidze sich bei der Berlinale 2021 den Goldenen Bären sichern könnte. Foto: Faraz Fesharaki/DFFB

Koberidze erzählt von einer verwunschenen Liebesgeschichte in der Stadt Kutaisi in einem Jahr in einer nicht genau bestimmten Zeit, in einem Sommer, in dem eine Fußballweltmeisterschaft stattfindet. Lisa und Giorgi sind in einem Cafe verabredet, nachdem sie einander zufällig über den Weg gelaufen sind. In der Nacht vor diesem Date aber geschieht etwas Rätselhaftes: beide wachen in anderer Gestalt auf, und erkennen zuerst sich selbst im Spiegel nicht wieder, und danach natürlich auch einander nicht.

Wie bei einem Spiel, bei dem sie alle Zeit der Welt haben

Dass sie trotzdem schließlich zusammenfinden, versteht sich jedoch von selbst, denn Koberidze weiß sehr genau, was in Erzählungen warum und mit welchen Logiken passiert und was er dem Zufall überlassen kann. Dass er immer wieder Kinder ins Bild rückt, die der Wirklichkeit im besten Fall noch begegnen wie einem Spiel, bei dem sie alle Zeit der Welt haben, ist dabei durchaus Programm.

„Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ ist überreich an Ideen und Intelligenz, die Musik verdient eine eigene Fanfare. Es ist keineswegs übertrieben, zu sagen: das Kino hat eine große, neue Stimme. Bert Rebhandl

Ras vkhedavt, rodesac cas vukurebt? (OT); 150 Min.; Georgien/Deutschland 2021; R: Alexandre Koberidze; D: Ani Karseladze, Girogi Bochorishvili, Oliko Barbakadze, Giorgi Ambrodladze


„Ballad of a White Cow“: Leises Schuld-und-Sühne-Drama

Maryam Moghaddam und Lili Farhadpour in einem iranischen Film, der abermals die Todesstrafe zum Thema hat. Foto: Amin Jafari
Maryam Moghaddam und Lili Farhadpour in einem iranischen Film, der abermals die Todesstrafe zum Thema hat. Foto: Amin Jafari

Dass die Todesstrafe eines der wichtigsten Themen iranischer Filmemacher*innen ist, die ihre Filme jenseits der offiziellen Zensur des Landes fertigen (also entweder heimlich und quasi-illegal oder im Ausland), weiß man auch hierzulande spätestens, seit das diesjährige Jurymitglied Mohammad Rasulof im vergangenen Jahr mit seinem Film „Doch das Böse gibt es nicht“ bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann.

Zumindest inhaltlich knüpfen seine Landsleute Behtash Sanaeeha und Maryam Moghadam mit ihrem leisen Schuld-und-Sühne-Drama „Ghasideyeh gave sefid“ („Ballad of a White Cow“), das als Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale 2021 zu sehen ist, an Rasulofs Episodenfilm an: Ein Jahr nach der Hinrichtung ihres Mannes erfährt die Witwe Mina von der Justiz, dass ein Irrtum vorlag. Der wahre Mörder hat gestanden, es gibt eine finanzielle Kompensation, ansonsten: alles Gottes Wille.

Ko-Regisseurin und Schauspielerin Maryam Moghaddams energische Präsenz ist preisverdächtig. Foto: Amin Jafari
Ko-Regisseurin und Schauspielerin Maryam Moghaddams energische Präsenz ist preisverdächtig. Foto: Amin Jafari

Doch Mina will mehr: eine öffentliche Entschuldigung und ein privates Treffen mit den Richtern. Aber das ist im System nicht vorgesehen. Unterdessen wird ein hilfsbereiter Fremder bei ihr vorstellig, der sich als alter Freund ihres Mannes ausgibt, aber – wie man als Zuschauer bald erfährt – tatsächlich einer der Richter ist, die das Todesurteil verhängt haben.

Während sich die beiden langsam annähern (was im Iran unter nicht-verwandten Menschen verschiedenen Geschlechts eher heikel ist, und in der Inszenierung viel mit der Positionierung der Figuren im Raum zu tun hat), ahnt man natürlich längst, dass diese Lügengeschichte kein gutes Ende nehmen kann.

Die Missstände des iranischen Überwachungsstaates

Zwischenzeitlich kippt der Film so einige Übel dieser Welt über seinen Hauptfiguren aus – Mina verliert erst die Wohnung, später den Job, und der Schwiegervater klagt das Sorgerecht für ihre Tochter ein, während der westlich orientierte Sohn des Richters, der mittlerweile seinen Job quittiert hat, an einer Überdosis Drogen verstirbt –,  was teils dramaturgisch bedingt, teils aber auch dem Willen der Filmemacher geschuldet ist, möglichst viele Missstände des religiösen Spitzel- und Überwachungsstaates Iran ansprechen zu wollen. 

Dass man darüber als Zuschauer nicht so depressiv wird wie der Ex-Richter Reza, ist letztlich der energetischen Präsenz von Ko-Regisseurin und –Autorin Maryam Moghadam in der Rolle der Mina geschuldet, die nicht nur klaglos mit all den Widrigkeiten ihres Alltags zurechtkommt, sondern auch sonst mutig ihren Weg als Frau in einer männerdominierten Gesellschaft geht. Ein Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle könnte dabei schon herauskommen. Lars Penning

Ghasideyeh gave sefid IR/F 2021, 105 Min., R: Behtash Sanaeeha und Maryam Moghadam, D: Maryam Moghadam, Alireza Sani Far, Pouria Rahimi Sam, Avin Poor Raoufi


„Una escuela en Cerro Hueso“: Leiser, unpathetischer Film über Autismus

Berlinale 2021: Die sechsjährige Ema ist eine aufmerksame Beobachterin der Welt. Foto: Betania Cappato & Iván Fund
Die sechsjährige Ema ist eine aufmerksame Beobachterin der Welt. Foto: Betania Cappato & Iván Fund

Was unter dem Begriff Autismus subsummiert wird, ist manchmal schwer zu fassen. Für die Betroffenen kann die Diagnose sowohl eine leichte Kommunikationsstörung bedeuten als auch das Leben in einer ganz eigenen Welt. Sowie alles dazwischen. Auch die sechsjährige Ema (Clementina Folmer) ist eine Autistin: Sie spricht nicht, scheint die Welt allerdings aufmerksam, wenngleich ohne große Gefühlsregungen wahrzunehmen. Sie lebt zwar nicht in einer anderen Welt, hat aber – wie später eine Lehrerin einmal anmerken wird – ihr eigenes Tempo.

„Una escuela en Cerro Hueso“ erzählt als Spielfilm die Familiengeschichte der argentinischen Regisseurin Betania Cappato: 17 Schulen hatten die Einschulung ihres autistischen Bruders abgelehnt, ehe die Familie eine Schule auf dem Lande fand, die ohne Bedenken bereit war, das Kind in seine Gemeinschaft aufzunehmen.

Ganz unprätentiös feiert der Film diesen Gedanken der natürlichen Solidarität – und die Notwendigkeit, etwas für seine Umwelt zu tun: Auch Emas Eltern, die sich in der kleinen Gemeinde erst einmal einleben müssen, bringen sich bald in das Dorfleben ein, etwa indem der Vater die Errichtung eines Gemeinschaftsgartens initiiert.

Wenige Worte, gar kein Pathos

Im Mittelpunkt des Film aber steht der verständnisvolle Umgang der Lehrerin und der Klassenkamerad*innen von Ema, die im Unterricht zu nichts gedrängt, aber stets beharrlich in all die Lernspiele der Erstklässler einbezogen wird. All die liebevollen kleinen Gesten (wie der flüchtige Kuss einer Mitschülerin auf dem Schulhof) zeigen bei Ema langsam erste Erfolge: Vehement wehrt sie sich etwa, als ihre Mutter die Schmucksticker, mit denen ihre Schulfreundinnen sie beklebt haben, abends wieder entfernen will. 

„Una escuela en Cerro Hueso“ kommt ohne viele Worte und gänzlich ohne Pathos aus, gibt – im Sinne der Hauptprotagonistin – den Geräuschen und Gesten mehr Raum, und überzeugte damit offenbar auch die Internationale Jury der Sektion Generation, die den Film heute mit dem Zweiten Preis (einer Lobenden Erwähnung) im Wettbewerb Generation Kplus auszeichnete.  Lars Penning

Una escuela en Cerro Hueso RA 2021, 70 Min., R: Betania Cappato, D: Clementina Folmer, Mara Bestelli, Pablo Seijo


Bert Rebhandl berichtet von der Berlinale, 4.3.2021


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