Berlinale 2022

„Call Jane“ von Phyllis Nagy: Kein Film für Abtreibungsgegner

In „Call Jane“ erzählt die amerikanische Regisseurin Phyllis Nagy von einer Frauenkooperative im Chicago des Jahres 1968, die Frauen die Möglichkeit einer Abtreibung unter würdigen Umständen anbietet. Kann so ein Thema kompatibel mit dem Mainstream-Kino sein? Und gute Laune machen? Ja, findet tipBerlin-Autorin Alexandra Seitz. Sie hat sich “Call Jane” im Berlinale-Wettbewerb angesehen.

Elizabeth Banks und Wunmi Mosaku in „Call Jane“ Foto: Wilson Webb

Abtreibungsgegnern nicht zu empfehlen: „Call Jane“ im Berlinale-Wettbewerb

Bedrückende Filme zum Thema Abtreibung gibt es einige: „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ (Cristian Mungiu, 2007) handelt in Rumänien zur Zeit von Diktator Ceauşescu; „Never Rarely Sometimes Always“ (Eliza Hittman, 2020) ist in den USA der Gegenwart angesiedelt; „L‘evenement“ (Audrey Diwan, 2021, demnächst im Kino) schildert ein Ereignis im Frankreich der frühen 1960er-Jahre. In all diesen Filmen steht die mit der Entscheidung hadernde und an den gegebenen Möglichkeiten leidende, immer wieder auch nahezu verzweifelnde Frau im Mittelpunkt. Das ist nachvollziehbar. Aber ist es nicht vielleicht auch denkbar, einmal anders an die Sache heranzugehen?

Beispielsweise eine Geschichte zu erzählen, die möglicherweise sogar mit einer Art Selbstermächtigung einhergeht und, ja, die tatsächlich auch gute Laune macht. Solches versucht Phyllis Nagy mit „Call Jane“, und ob man den Versuch geglückt findet, wird sehr stark damit zusammenhängen, welchen Stellenwert im moralischen Universum man einer befruchteten Eizelle beimisst. Abtreibungsgegnern ist dieser Film jedenfalls nicht zu empfehlen.

Elizabeth Banks in „Call Jane“ Foto: Wilson Webb

“Call Jane” holt Abtreibung aus den Abgründen der Hölle heraus

Erzählt wird nun also die Geschichte von Joy, die in den Suburbs von Chicago im Jahre 1968 ein braves Hausfrauendasein lebt, bis sie sich eines Tages damit konfrontiert sieht, dass sie an ihrer (späten) Schwangerschaft, die eine Herzinsuffizienz ausgelöst hat, sterben könnte. Als der Klinikvorstand – unnötig zu sagen: Männer allesamt – eine Notabtreibung ablehnt, wendet sich Joy an eine unter dem Namen „Call Jane“ illegal operierende Initiative von Aktivistinnen, die den Eingriff unter einigermaßen würdigen Umständen anbietet. Nicht lange dauert es, da zählt die patente Joy zu den verdienten Mitarbeiterinnen der Organisation; doch die damit einhergehende Heimlichkeit bringt ihr Leben und das ihrer Familie ziemlich durcheinander.

Auch wenn es sich bei „Call Jane“ um einen recht konventionell inszenierten, Mainstream-kompatiblen Film handelt, der viele der darin angesprochenen Konflikte nur anreißt, so nimmt einen doch ein, mit welcher Konsequenz er den Vorgang einer Abtreibung aus den Abgründen der Hölle herausholt, in denen er gemeinhin angesiedelt ist. Dabei muss dieser Vorgang weder lebensgefährlich sein noch den Charakter einer Bestrafung haben, um vom patriarchal reglementierenden Instrument, das dem Abbruch einer Schwangerschaft den Nimbus der Sünde anheftet, mal ganz zu schweigen. In „Call Jane“ helfen Frauen Frauen dabei, das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper auszuüben, und es tut gut und ist erhellend, die ganze verzwickte Sache einmal zur Abwechslung aus diesem Blickwinkel zu betrachten.


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