Regisseurin Shahrbanoo Sadat: „Mein ganzes Leben ist eine Identitätskrise“
Shahrbanoo Sadat hat Afghanistan verlassen, weil sie als Filmemacherin unter den Taliban nicht arbeiten könnte. Mit der Rom-Com „No Good Men“ eröffnet sie die 76. Berlinale. tipBerlin-Autorin Pamela Jahn hat mit ihr über die Politik der Geschlechter gesprochen

tipBerlin Frau Sadat, die Berlinale hat den Ruf, ein politisch engagiertes Festival zu sein. Wie fühlen Sie sich damit, „No Good Men“ als Eröffnungsfilm zu präsentieren?
Shahrbanoo Sadat Ich war überrascht. Ich wusste nicht sofort, wie ich darauf reagieren sollte. Filmschaffende mit meinem Hintergrund werden oft auf Politik reduziert und nicht für ihr künstlerisches Handwerk gewürdigt. Ich habe das Gefühl, dass von mir als Frau aus Afghanistan erwartet wird, dass meine Arbeit per se politisch sein muss. Mit diesem Druck kann ich schwer umgehen. Ich möchte eine Filmemacherin sein, die jede Idee und jedes Genre erkunden darf, das sie sich aussucht. Diese Autonomie, für die ich bis heute kämpfe, hat mir die afghanische Gesellschaft nie wirklich gegeben, und das Kino ist für mich zu dem Ort geworden, an dem ich nach diesem Freiraum suche.
tipBerlin Würden Sie sich selbst als politische Filmemacherin bezeichnen?
Shahrbanoo Sadat Nicht wirklich. Manchmal berühren meine Filme politische Themen, manchmal nicht. Ich verfolge keine bestimmte Agenda oder sende einer Botschaft aus. Was mich viel mehr interessiert, ist das Alltagsleben: wie Menschen lieben, streiten, überleben, Fehler machen und hoffen. Bei „No Good Men“ wollte ich die Geschichte einer jungen Frau wie mir erzählen. Erst nach drei Jahren und vielen Entwürfen wurde mir klar, dass der Film sich stark mit dem Patriarchat auseinandersetzt. Ich denke, das ist der Unterschied: Wenn man einen politischen Film dreht, weiß man das von Anfang an; wenn man das nicht tut, findet der Film seine Bedeutung von selbst.

tipBerlin „No Good Men“ spielt in der demokratischen Ära in Afghanistan, unmittelbar vor der erneuten Machtergreifung durch die Taliban. Wie blicken Sie selbst auf diese Zeit zurück?
Shahrbanoo Sadat Ich habe 2020, kurz vor der Pandemie, mit der Arbeit an dem Film begonnen. Die Idee war es, eine romantische Komödie zu drehen, die im heutigen Kabul spielt. Dann brach Afghanistan im August 2021 zusammen. Ich wurde evakuiert und musste in Europa ein neues Leben beginnen. Angesichts all dieser Veränderungen begann ich mich zu fragen, ob meine Rom-Com noch Sinn ergibt. Dann wurde mir klar, dass sie nun eine noch viel tiefere Bedeutung hatte. Die „Gegenwart“, die ich darstelle wollte, existierte plötzlich nicht mehr. Sie wurde zu einer vergangenen Epoche, und ich war Zeugin dieser Zeit. Ich wollte über diese Ära sprechen.
Seit dem Fall Kabuls erlebe ich immer wieder, wie die Menschen die Zeit davor romantisieren. Ich leugne nicht, dass die Taliban heute das größte Problem in Afghanistan sind. Aber als Frau konnte ich sehen, wie unterschiedlich Männer auf die 20 Jahre zuvor schauen
Shahrbanoo Sadat
tipBerlin Warum?
Shahrbanoo Sadat Seit dem Fall Kabuls erlebe ich immer wieder, wie die Menschen die Zeit davor romantisieren. Ich leugne nicht, dass die Taliban heute das größte Problem in Afghanistan sind. Aber als Frau konnte ich sehen, wie unterschiedlich Männer auf die 20 Jahre zuvor schauen. Viele waren schockiert, ihren Komfort, ihre Position, ihren sozialen Status und ihre Macht zu verlieren. Für uns Frauen war es jedoch kein so drastischer Bruch. Selbst während der sogenannten demokratischen Ära waren wir bereits durch das Patriarchat, das den Kern des Glaubens der Taliban bildet, mit deren Mentalität in unseren eigenen Familien vertraut.
tipBerlin Das gilt auch für Naru, Ihre Hauptfigur im Film.
Shahrbanoo Sadat teilt viel mit der Hauptfigur in „No Good Men“
Shahrbanoo Sadat Ja. Sie ist eine starke Frau. Sie braucht keine Hilfe von anderen. Aber sobald jemand wie sie den Regierungsbehörden oder anderen Autoritäten im Weg steht, verliert sie alles.
tipBerlin Wie viel von Ihnen steckt in dieser Figur?
Shahrbanoo Sadat Naru ist eine junge Frau aus der Mittelschicht, die in der Innenstadt von Kabul lebt, einen Job hat, finanziell unabhängig ist und eine scharfe Zunge hat – das bin ich. Auch ihre Wut, ihre Frustration, ihre Verzweiflung, in einer solchen Gesellschaft zu leben, teile ich mit ihr. Aber Narus Problem ist ein anderes. Sie ist verheiratet und hat ein Kind; sie hat sich von ihrem Mann getrennt. Diese Elemente habe ich von meiner Schwester und einer engen Freundin übernommen. Beide haben eine Scheidung durchgemacht und im Prozess ihre Kinder verloren.
tipBerlin Am Anfang Ihres Films werden Frauen in einer TV-Show mit Blumen verglichen, was auf ihre vergängliche Schönheit anspielt. Womit sind Männer vergleichbar?
Shahrbanoo Sadat Männer können alles sein, was sie wollen. Sie wachsen mit dieser Art Freischein auf. Der Erlaubnis zu träumen, zu scheitern, die Richtung zu ändern und trotzdem ernst genommen zu werden. Die Gesellschaft versichert ihnen ständig, dass sie dazugehören. Frauen ist diese Freiheit entsagt. Von klein auf wird man gemessen, korrigiert und kontrolliert. Und wenn man den Erwartungen, die an einen gestellt werden, nicht entspricht, muss man immer einen Preis dafür zahlen.
tipBerlin Als Naru auf den Reporter Qodrat trifft, beginnt sie, ihr Misstrauen gegenüber Männern zu hinterfragen. Wie viel Wahrheit steckt im Titel Ihres Films?
Shahrbanoo Sadat Dahinter verbirgt sich ein Glaube, den Frauen in Afghanistan sich ständig gegenseitig zusprechen. Es ist keine Meinung, sondern vielmehr eine Tatsache, so unbestreitbar wie die Vorstellung, dass die Erde rund ist. Und es ist eine Überzeugung, die durch gelebte Erfahrungen geprägt ist: durch direkte Begegnungen mit Männern innerhalb der Familie, unter Verwandten, Kollegen und im Alltag. Als ich 18 oder 19 war, habe auch ich so gedacht. Zu dieser Zeit arbeitete ich für einen privaten Fernsehsender, nicht als Kamerafrau, sondern als Produzentin. Dort lernte ich Anwar Hashimi kennen, der in der Nachrichtenredaktion arbeitete. Er wurde mein bester Freund. Er war der erste „gute“ Mann in meinem Leben. Seitdem weiß ich, dass es noch andere Realitäten gibt als die, in der ich aufgewachsen bin.
tipBerlin Sie sind im Iran geboren. Hadern Sie manchmal mit Ihrer Identität?
Shahrbanoo Sadat Ich habe das Gefühl, mein Leben lang in einer Identitätskrise zu stecken. Die Frage, wer ich bin, begleitet mich, seit ich denken kann. Das Leben in Deutschland hat mir eine andere Perspektive gegeben. Ich habe meine Kindheit im Iran verbracht. Mit 11 Jahren zog ich mit meiner Familie nach Afghanistan, wo ich 20 Jahre lang lebte, und seit dem Fall Kabuls im Jahr 2021 bin ich nun in Hamburg. Die Menschen im Iran nannten mich Afghan; als ich nach Afghanistan kam, nannten sie mich dort eine Iranerin. In Deutschland bin ich eine Ausländerin, ein Flüchtling. Ich fühle mich überall wie eine Außenseiterin, als würde ich nicht zu der Gesellschaft gehören, in der ich lebe. Aber diese letzte Entwurzelung hat mich von all diesen Konflikten befreit. Jetzt weiß ich: Ich kann all das sein, und nichts davon ist falsch. Ich bin ein Mensch mit Lebenserfahrungen an verschiedenen Orten auf der Welt und weit über meine Nationalität hinaus.
tipBerlin „No Good Men“ wurde an verschieden Schauplätzen in Deutschland gedreht. Was waren die größten Herausforderungen, um ihn authentisch wirken zu lassen?
Shahrbanoo Sadat Erst war der Plan in Jordanien und dann in Griechenland zu drehen, aber uns fehlten die finanziellen Mittel. Ich habe auch über Tadschikistan nachgedacht, wo ich meine früheren Filme realisiert hatte, doch dann entschied ich mich, den Film in Deutschland zu drehen. Als ich begann, Drehorte in Berlin zu suchen, war die sowjetische Architektur im östlichen Teil der Stadt eine große Hilfe. Auch Afghanistan hat eine pro-sowjetische Phase durchlaufen, und so gab es überraschende Überschneidungen.
Hoppegarten als Drehort: „Als ich den Bau sah, bin ich fast erschrocken, so sehr ähnelte er der staatlichen Fernsehstation in Kabul“
tipBerlin Können Sie ein Beispiel nennen?
Shahrbanoo Sadat Wir fanden den Drehort für die Headquarters des TV-Senders im Film in Brandenburg, genauer gesagt: in Hoppegarten, das Gebäude gehörte einst der DDR-Stasi. Als ich den Bau sah, bin ich fast erschrocken, so sehr ähnelte er der staatlichen Fernsehstation in Kabul.
tipBerlin Ihre beiden vorherigen Filme prämierten in Cannes. Wie ist Ihre Beziehung zur Berlinale?
Shahrbanoo Sadat Normalerweise nehme ich regelmäßig an dem Festival teil, außer letztes Jahr, als ich „No Good Men“ gedreht habe. 2022 war ich Mitglied der Jury für den Preis für den besten Debütfilm. Normalerweise schaue ich mir jedes Mal etwa 40 bis 50 Filme an und fahre dann wieder nach Hause. Es fühlt sich fast so an, als wäre ich Teil des Auswahlkomitees; ich sichte Filme quer durch die Bank und lasse mich unheimlich gerne überraschen. Dafür ist die Berlinale der perfekte Ort.
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