Berlinale 2019

„Ich war zuhause, aber…“ von Angela Schanelec (Wettbewerb 12)

Ich war zuhause, aber | I Was at Home, But © Nachmittagfilm

Philipp ist wieder da, nachdem er offenbar länger verschwunden war. Das jedenfalls legt seine völlig verdreckte Jacke nahe. 13 Jahre ist er erst. Sein Lehrer ruft Philipps Mutter Astrid (die faszinierende Maren Eggert) an. Ihre große Sorge drückt sich darin aus, dass sie sich beim Wiedersehen ihrem Sohn zu Füßen wirft und seine Beine umklammert.

Reden allerdings, das werden sie miteinander nicht. Und so erfahren wir Zuschauer*innen auch nicht, warum Philipp weggelaufen war. Sondern nur, dass es eine sehr große Sprachlosigkeit gibt. In der Familie, zu der neben Astrid und Philipp auch noch die jüngere Schwester und Astrids Liebhaber gehören. Und unter den Menschen generell.

Als Astrid ein gebrauchtes Fahrrad kaufen möchte, kann der Verkäufer sich mit ihr nur mittels eines kleinen Apparats verständigen, den er an seinen Hals hält. Auch hier wieder kann man nur vermuten, dass eine Krankheit die Ursache ist. Thematisiert wird sie nicht. Wir erfahren: Das Rad geht schnell kaputt. Philipp bekommt eine Blutvergiftung. Astrid, die irgendwie im Berliner Kulturbetrieb arbeitet, schreit ihre Kinder an. Dass ihr Mann, der offenbar beim Theater war, verstorben ist.

All das erzählt die Berliner Regisseurin Angela Schanelec in ruhigen Einstellungen. Umso mehr fokussiert man sich beim Zuschauen auf die Personen und dabei weniger auf das, was sie tun, sie tun nämlich nicht viel, sondern auf das, was sie sagen. Da zieht Angela Schanelec in ihrem Film „Ich war zuhause, aber“ durch aus eine Parallele zu den Möglichkeiten des Theater, wo ja auch der Rahmen der Bühne relativ feststeht, die Kulissen nur Bild für Bild wechseln, und so die Schauspieler und die gesprochenen Texte besonders hervortreten.

Unterstützt wird der Eindruck durch einen Erzählstrang, der den ganzen Film durchzieht: eine Schulklasse probt Shakespeares „Hamlet“. Sonderlich begabt sind die Schüler nicht, sie sagen ihre Texte so auf, als ginge sie der Inhalt des mörderischen Geschehens wenig an. Irgendwie blutleer. Und auch mit ihren Holzschwertern stechen sie recht lustlos aufeinander ein.

Es gibt also in Angela Schanelecs Wettbewerbsbeitrag diese große, allumfassende Sprachlosigkeit, ein Unvermögen der Menschen, über Wichtiges miteinander zu reden. Außerdem diese Theater-Kunstsprache, von Kindern ohne innere Verbindung zu den Worten vorgetragen. Und dann, etwa in der Mitte des Films, die Begegnung Astrids mit einem Filmregisseur, der vielleicht eine Professur bekommen wird, und dessen Film sie gesehen hat. Hier wechselt Astrid ganz unvermittelt von einer lapidaren Alltagskonversation über den grauen Berliner Winter in einen kunsttheoretischen Diskurs: Dass der Regisseur in seinem Film eine real sterbende Frau und eine Tänzerin zusammengebracht habe und so die Wahrheit des sterbenden Körpers mit der Lüge des Schauspiels konfrontiert hat. „Da entsteht nichts. Es ist Theorie“, sagt Astrid mit scharfem Ton.

Bei einer intellektuellen Filmemacherin wie Angela Schanelec darf man davon ausgehen, dass sie an der Stelle damit gerechnet hat, dass wir Zuschauer*innen uns an dieser denken, das könnte man ja vielleicht auch von diesem Film sagen: Bei all dem Gerede entsteht nichts. Es ist Theorie.

Was durchaus stimmt, und dann auch wieder nicht. Denn „Ich war zuhause, aber“ hat starke Charaktere, auch wenn man über sie so wenig erfährt. Und es entsteht durchaus eine Bindung zwischen den Zuschauer*innen und ihnen. Man denkt an sie, wenn man das Kino verlassen hat, an die möglichen Beweggründe für ihre Handlungen und das, was sie gesagt haben, auch wenn nichts davon ergründen kann. Trotzdem wirkt der Film theoretisch. Und dafür hat Angela Schanelec die schwierigste Folie gewählt, die man sich denken kann, Shakespeares „Hamlet“. Ein Stück, das den simplen Rache-Plot ebenso liefert wie das undurchdringliche Geheimnis. Der die Handlungen einer Person klar motiviert erscheinen lassen kann und trotzdem gänzlich undurchdringlich. Dessen Sprache gleichzeitig verständlich wie rätselhaft ist. Und das scheinbar mit Leichtigkeit – eigentlich, wenn der Text nicht hölzern aufgesagt wird.

Niemals hat man bei Shakespeare für einen Moment den Eindruck, hier würde der Autor darauf hinweisen, dass sein Stück bedeutsam sei. Bei Angela Schanelec hingegen begleitet der Bedeutsamkeitshinweis viele Szenen. Wenn Astrid auf einem Fels am Fluss schläft und sich ihr wallendes Kleid wie das der ertrinkenden Orphelia bauscht. Wenn Philipp, seine Schwester Christophorus gleich auf dem Rücken, in einer sehr langen Szene den Bach aufwärts trägt, in den schweigenden Wald hinein.

„Ich war zuhause, aber“ beginnt nicht mit Menschen, sondern mit einem Hund, der einen Hasen verfolgt, ihn tötet, in ein Haus schleppt und ihn dort frisst. Plötzlich kommt ein Esel ins Zimmer hinein. Am Ende sieht man beide Tiere auch in der Schlusseinstellung. Der Hund schläft. Der Esel schaut zum Fenster hinaus. Eine dysfunktionale Familie. Ohne Sprache. Vieles an diesem Film ist anstrengend. Aber auch angestrengt, was der Anstrengung, gegen die an sich nichts zu sagen ist, den belohnenden Zauber austreibt, von dem man als Zuschauer*in doch gern ein bisschen gespürt hätte. In einer Szene weicht die Anstrengung: Wenn Astrid mit ihren Kindern zu einer angenehm rauen Version von David Bowies „Let’s Dance“  tanzt. Die angestrengte Astrid hat für einen Moment gute Laune. Da ist er, der ersehnte Zauber.

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