Berlinale-Aufruhr: Warum Tricia Tuttle (vorerst) Chefin bleibt
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bleibt vorerst im Amt. Die Aufregung um die Antisemitismus-Vorwürfe ist Symptom einer heillosen Kampagnisierung. Ein Kommentar von Bert Rebhandl

Das Foto mit Tricia Tuttle ließ sich perfekt für eine Kampagne instrumentalisieren, findet unser Autor
Offene Briefe können also offensichtlich doch noch etwas bewirken. Das ist eine der Lektionen aus einem kulturpolitischen Aufruhr, der das politische Berlin am Mittwoch in Atem gehalten hatte. Um die Mittagszeit war die größte deutsche Boulevardzeitung mit einer Schlagzeile vorgeprescht: „Tricia Tuttle wird nach Skandalfoto abgelöst“. Da lag der Abschluss der zweiten Berlinale, die von der gebürtigen Amerikanerin in leitender Funktion verantwortet worden war, erst wenige Tage zurück. Am Sonntag war die 76. Ausgabe des größten und wichtigsten deutschen Filmfestivals zu Ende gegangen. Vielen Unkenrufen zum Trotz ist es auch immer noch eines der weltweit wichtigsten.
Es waren schwierige zehn Tage für Tuttle gewesen, nachdem gleich am ersten Tag ein Journalist bei einer Pressekonferenz eine Fangfrage nach den politischen Prioritäten des Festivals gestellt hatte. Es gelang, die Provokation mit mehreren nachgereichten Statements halbwegs einzufangen, bei der Abschlusszeremonie gab es dann zwar von künstlerischer Seite deutliche Manifestationen für Palästina, und der Vertreter der Bundesregierung unter den Gästen verließ unter Protest den Saal. Aber der Goldene Bär für den deutsch-türkischen Film Gelbe Briefe von İlker Çatak ließ sich als ein idealer Vermittlungsschritt lesen. Denn hier wurde noch einmal die Freiheit der Kunst beschworen.
Am Montag tauchten dann allerdings die ersten Postings auf, die Tuttle auf einem Foto zeigten, das perfekt für eine Kampagne instrumentalisierbar war: mit dem Team des Films „Chronicles From the Siege“ des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, der demonstrativ eine Kufiya (ein „Pali-Tuch“) trug, während andere Leute eine Palästina-Flagge hielten. Tuttle steht auf diesem Bild, das anlässlich der Premiere bei einem der üblichen Photo Calls aufgenommen wurde, in der Mitte. So ist das üblich, man kann aber auch in das Bild hineinlesen, dass sie wie eine Unterstützerin eines Staates Palästina dasteht. „Wenn das Ding echt ist, dann muss sie zurücktreten“, war in einem Facebook-Eintrag zu lesen.

Die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung war aber, nach allem, was man nun weiß, voreilig. Konkret zu vermelden gab es nur, dass Wolfram Weimer, der Beauftragte für Kultur und Medien in der deutschen Regierung, für Donnerstagmorgen zu einer Sitzung des Aufsichtsrates der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (zu denen die Berlinale zählt) gerufen hatte. Und diese Sitzung ging mit dem Ergebnis zu Ende, dass „das Gespräch mit Tuttle“ fortgesetzt werden soll. Die Ablösung ist also zumindest aufgeschoben, offen ist nun aber auch, ob sie überhaupt im Raum stand. Oder ob Tuttle selbst eine Weiterarbeit von stärkerer Rückendeckung durch die deutsche Politik abhängig machen will.
Tricia Tuttle holte nicht nur Stars an die Spree, sondern fand viele ästhetisch wie politisch hochwertige Filme
Starke Unterstützung erfuhr sie jedenfalls den ganzen Mittwoch hindurch, denn in Windeseile wurden mehrere offene Briefe verfasst, denen sich nahezu die gesamte Filmbranche anschloss, und die alle eine Demission von Tuttle für katastrophal hielten. Zu einem besonders markanten Vergleich griff Daniel Kehlmann, der schon „die größte Katastrophe für die deutsche Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972“ im Raum stehen sah. İlker Çatak sprach bei einer Vorstellung von Gelbe Briefe am Mittwochabend im Filmtheater am Friedrichshain davon, er würde im Falle einer Ablösung Tuttles nie wieder einen Film bei der Berlinale einreichen.
Die Aufregung ist Symptom einer heillosen Kampagnisierung nicht nur der deutschen Politik, vorangetrieben von Kräften, die vor allem die CDU immer wieder massiv vor sich her zu treiben versuchen. Die Staatsräson einer unverbrüchlichen Solidarität der Bundesrepublik mit dem Staat Israel dient dabei auch als Mittel, sich die Zumutungen eines massiv angewachsenen Widerstands gegen die Kriegsführung Israels in Gaza vom Hals zu halten. An sich ist eine Zwei-Staaten-Lösung für Israel/Palästina auch deutsches Politikziel. Trotzdem gilt seit dem Massaker der Hamas für viele Menschen eine Palästina-Flagge und schon gar die oft als „Hamas-Schal“ denunzierte Kufiya als Unterstützung von Terrorismus.
In diesem Klima strategischer Vereinfachung auf parolenhafte Verwendung der zentralen Kampfbegriffe Genozid und Antisemitismus musste Tricia Tuttle eine Berlinale organisieren, die selbst nach den Worten von Wolfram Weimer als sehr gut gelungen zu werten ist. Sie holte nicht nur Stars an die Spree, sie fand viele ästhetisch wie politisch hochwertige Filme, und wie schon gewohnt war die 76. Berlinale auch ein großer Publikumserfolg: Die Stadt vibriert in diesen zehn Tagen immer vor Begeisterung für das Kino, und die Leute nahmen auch die teils langen Wege geduldig auf sich, denn Berlin hat eine alles andere als günstige Infrastruktur für das Festival, seit der Potsdamer Platz als Mittelpunkt wegbrach.
In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der provinzielle Widerstand gegen eine international exzellent vernetzte und auch in den globalen Diskursen heimische Direktorin sich als mächtiger erweist als das nahezu einhellige Votum der Branche: Tricia Tuttle hat offensichtlich die Unterstützung der Kultur in Deutschland. Und dazu muss sich der politische Beauftragte für Kultur nun verhalten.
Ein Film, der Privates und Politisches auf berührende Weise verwebt: Mit „No Good Men“ startete die diesjährige Berlinale. Überblick über die Gewinner der Silbernen und des Goldenen Bären: Das sind die Preisträger der Berlinale-Abschlussgala. Der Gewinnerfilm des Goldenen Bären: Die Kritik zu „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak lest ihr hier. Mit einer sensationellen Sandra Hüller: Das queere Drama „Rose“ spielt im Nachhall des Dreißigjährigen Krieges. Was bleibt vom „brat summer“ übrig? Unsere Kritik zum Berlinale-Film „The Moment“ von und mit Charlie xcx. Mehr Filmkritiken findet ihr in unser Film-Rubrik.