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Berliner Globalisierung: Das „achtung berlin“ – Filmfestival

Was ist von einem Festival zu erwarten, das „achtung berlin“ heißt? Wohl eher nicht Unter den Linden und Kurfürstendamm, sondern Problemkiez und Szenekneipe. Die Stadt, die arm ist, aber sexy sein soll, ist für das Kino immer noch viel mehr als nur Kulisse: Berlin ist ein Realitätstest für Filmemacher.
„achtung berlin“ zeigt um die 50 Arbeiten, die in Berlin und Umgebung spielen oder gedreht wurden oder mit hier zu tun haben – die Mischung ist so rau wie die Stadt. Zum Beispiel die Heldin von Anke Hentschels Spielfilm „Unbelehrbar“. Sie wird von sich und ihrer ansonsten keineswegs bösartigen Familie zum menschlichen Bodensatz der Stadt gezählt. Doch die 40-jährige Mutter, Ehefrau und Analphabetin nimmt zum wiederholten Mal den Kampf gegen eine unlesbare Welt auf. Geduldig erzählt der Film seine langwierige Aschenputtelgeschichte, in der es keine schnellen Triumphe gibt. Der erste Schritt ist dabei die Flucht aus der familiären Kampfzone.
Deren Grabenverläufen spürt auch Felix Fuchssteiner in „Draußen am See“ (Bild oben) nach. Was wie eine ganz normale Familienharmonie mit dauergenervten Teenagern und elterlichem Sex neben dem Kompottregal aussieht, gerät aus den Fugen, als der Vater, breitschultriges Alphamännchen mit Cowboyhut, arbeitslos wird. Alle reagieren vorbildlich und mit Tatkraft auf die Situation, nur der ehemalige Familienernährer kommt mit diesem modernisierten Rollenschema nicht zurecht und entwickelt diverse, skurrile bis bedrohliche Obsessionen. Gefiltert durch die Phantasie der jüngeren Tochter entwickelt sich ein langsam an Fahrt gewinnendes Sozialdrama, das sich irgendwann etwas brachial zur Tragödie verdüstert und dann doch in die Hoffnung von Normalität ausrollt.
Auch bei den Dokumentarfilmen zeigt sich eine starke Konzentration auf die Vielfalt der Lebensentwürfe und familiärer Abgründe. Christoph Heller folgt in „Mein Vater, mein Onkel“ (Bild links) dem jungen Schauspieler Sinan al Kuri („Soko Leipzig“) bei seiner Kontaktaufnahme mit der vergessenen und lange verdrängten Vergangenheit. Als adoptiertes Einzelkind im Hessischen aufgewachsen, soll er nun seine Rolle in einem erweiterten irakischen Familienclan einnehmen.

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