Kino & Stream

Berlins Programmkino-Landschaft im Wandel

Gerhard_Gross_c_oliver_wolffProgrammkinos – das waren schon immer die Guten. In den 80er-Jahren zwangen sie Verleiher und Kinoketten in die Knie. Sittenwidrige Verleihverträge verschwanden und die Filmverteilung wurde gerechter. In den 90ern begannen die Multiplexe kleine Kinos aus dem Markt zu drängen. Die Programmkinos hielten dagegen (siehe Interview mit dem ehemaligen Filmkunst-66-Betreiber Franz Stadler). Die Kinotechnik wurde besser, das Gestühl weicher und neben Tiefkühlpils und Eiskonfekt wurden sogar trinkbare Weine angeboten. Wieder zehn Jahre später wurden immer mehr schnöde Programmkinos zu Arthouse-Theatern. Und seit zwei Jahren ist die Digitalisierung das Thema. Die können sich nur die wenigsten Kinos leisten und für das Programmangebot hat der Umstieg auf digitale Projektion weitreichende Folgen.

Ein Besuch bei einem Aushängeschild: Seit 1996 gibt es das Kino in den Hackeschen Höfen. Damit gehört es immer noch zu den neueren Berliner Programmkinos. Die Pioniere heißen Babylon, Eiszeit, Filmkunst 66, FSK, Moviemento oder Sputnik, deren Namen sofort die 80er-Jahre in Westberlin wachrufen. Doch 1996 machten die Hackeschen Höfe alles anders. Es wurde kein altes Kino übernommen, eingebaut wurde ausschließlich neue und feinste Technik samt gutem Gestühl, und im Foyer stand eine Respekt einflößende Gaggia-Espressomaschine, „das hatte damals kein anderes Kino“. Betreiber Gerhard Groß (Foto rechts) waren solche Annehmlichkeiten wichtig. Während die Konkurrenz dabei war, Geld in Stereo-Ton, bessere Projektion und bequemere Stühle zu stecken, waren die Hackeschen Höfe schon weiter und konnten ihr Publikum außerdem mit Espresso und Wein vom befreundeten Winzer erfreuen. Doch damit allein ist der Erfolg kaum zu erklären. Das Programm macht es und das Verhältnis zum Publikum. „Häuser“, sagt Groß schlicht, „laufen immer dann sehr gut, wenn der Unternehmer sie führt.“

Der Markt
Einfacher ist die Situation für Programmkinos sowieso nicht geworden. „Einfach war sie ja noch nie“, meint Groß. Als aktuelles Beispiel fällt ihm die Situation in der Schönhauser Allee ein. Weil „die Luft für zwei Multiplexe mit Colosseum und Kulturbrauerei einfach zu dünn“ sei, würde ein Kino wie das CineStar in der Kulturbrauerei auf Programmkino-Filme ausweichen. Auch das CineStar am Potsdamer Platz würde mit seinem OF-Programm im klassischen Programmkinosegment wildern. Andererseits kann Groß freier programmieren als die Kinoketten, wenigstens solange er sich mit Georg Kloster einigt. Mit seiner Yorck-Gruppe verfügt der in Berlin über zahlreiche Kinos, darunter mit International und Filmtheater am Friedrichshain über zwei direkte Konkurrenten von Groß. „Kloster ist mit seiner Marktmacht ein starker Disponent. Er hat ja noch wichtige Kinos in München, Hamburg und Dresden.“ Diese Macht weiß Kloster durchaus einzusetzen, doch Groß bekommt trotzdem seine Filme. Seit einigen Jahren spielen die Hackeschen Höfe vorzugsweise untertitelte Originalfassungen, das kommt beim Publikum gut an.

Die Investitionen
Die Kosten der Digitalisierung sind aber auch für Kinos wie die Hackeschen Höfe nicht einfach zu stemmen. Rund 300?000 Euro würde die Umrüstung der fünf Säle kosten, rechnet Groß vor. Vor zwei Jahren hat er die Kinos schon für 200?000 Euro sanieren lassen. Mit Sony-4K-Projektoren zieht jetzt, maßstabsetzend, die neue Technik ein – 2K ist der augenblickliche Standard. Dass damit die Karten bei der Kopienversorgung neu gemischt würden und dank niedriger Herstellungspreise praktisch alles digital zur Verfügung stünde, hat sich jedoch als frommer Wunsch herausgestellt. Gerhard Groß: „Wir müssen feststellen, dass sich Verleihunternehmen und Rechteinhaber um ihre Verpflichtung drücken, das Repertoire und das Filmerbe vernünftig zu digitalisieren.“

Wulf_Soergel_c_oliver_wolffDas Filmangebot
„Die Leute kommen nicht mehr, wenn man Repertoire zeigt“, sagt Suzan Beermann vom Eiszeit-Kino, ein Urgestein der Berliner Programmkinos. Ohne ein starkes Repertoireangebot und ein Publikum, das gerade dafür in das Kreuzberger Kino kam, hätte das Kino früher nicht überleben können. Doch jetzt spielt auch das Eiszeit regelmäßig Neustarts. „Repertoire und Klassik, das ist ganz klar, die haben keine Zukunft“, meint auch Wulf Sörgel (Foto rechts) . Er lacht grimmig, als er das sagt. „Das war doch die ganze Idee bei der Digitalisierung. Noch ein Tag länger Hollywood und immer weniger europäisches und deutsches Kino, das war der Plan.“ Ganz ist dieser Plan der Medienkonzerne dann aber doch nicht aufgegangen – auch weil es Leute wie Sörgel gibt. Zusammen mit Torsten Frehse ist er Geschäftsführer des Berliner Filmverleihs Neue Visionen. Außerdem sind beide noch an Kinos in der Stadt beteiligt. Sörgel am Moviemento, Frehse am Central. Beide Kinos sind vollkommen unterschiedlich und werden autonom programmiert. Sie stehen für die neuen Programmkinos. Neidlos gibt Gerhard Groß zu: „Die setzen auf das Szenige, auf dieses neue Selbstbewusstsein, und das funktioniert auch ganz gut.“ Für diese neuen, alten Programmkinos, zu denen auch das Bundesplatz Kino, die Tilsiter Lichtspiele, Zukunft Berlin oder das Lichtblick-Kino gehören, bietet auch Neue Visionen als Verleih ein interessantes Angebot. Aktuelle Filme wie Srdjan Dragojevics „Parada“ oder Jeanine Meerapfels „Der deutsche Freund“ gehören genauso zum Programm wie Klassiker von Antonionis „Blow Up“ bis zu „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders.

Die Folgen der Digitalisierung
Trotzdem ist es gerade das Repertoire, das mittelfristig bei den Programmkinos wegbrechen wird. Die Third-Party-Verträge, mit denen die Verleiher sich an der Finanzierung der Kinodigitalisierung beteiligen, macht es für die Programm-Macher unabhängiger Kinos immer schwieriger, Repertoirefilme zu spielen. Die Verleiher schießen Geld für Digi-Projektoren nur bei aktuellen Filmstarts zu, die Freiräume für andere Programme oder auch nur Schulvorführungen fehlen. Zwar konnten die unabhängigen Kinos bei diesem Finanzierungsmodell das Schlimmste verhindern und mit VPF Hub ein eigenes Third-Party-Modell etablieren, doch das Kopienproblem bleibt, weil sich niemand kinotaugliche Digitalkopien ins Regal stellt. So ideal wie für das FSK Kino, das mit seinem Peripher Verleih auch Teil des VPF Hubs ist, ist die Ausgangslage selten. Die DCP-Festplatten, von denen heute Kinofilme vorgeführt werden, gehören Dienstleistern und werden nach der Auswertung mit einem neuen Titel überspielt. Wenn ein Film also nicht mehr im Verwertungszyklus ist, existiert er nur noch auf einem Server. Für eine Schulvorführung etwa ein neues DCP davon herzustellen, wäre jedoch viel zu teuer. Für das digitale Kino wären all diese Filme unter solchen Bedingungen im Alltagsgeschäft also verloren.

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