Kino & Stream

Bernardo Bertoluccis „Ich und Du“

Ich_und_Du_04_c_KoolFilmdistributionFast zehn Jahre ist es her, seit Bernardo Bertolucci seinen letzten Film vorgestellt hat: „Die Träumer“ mit Eva Green und Louis Garrel als ineinander konfus verschlungenes Geschwisterpaar, das auf einen jungen Amerikaner (Michael Pitt) im Pariser Mai von 1968 trifft. In „Ich und du“ hat sich Bertolucci zurück nach Italien begeben – oder besser: in einen Keller, der zwar in den italienischen Boden gegraben wurde, ansonsten jedoch reichlich wenig mit der Situation des Landes zu tun hat und vor allem auch gar nicht zu tun haben will. Die Gründe hierfür sind in der Psyche von Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) angelegt – der Pubertierende möchte sein Umfeld so weit wie möglich ausblenden.

Nach einer Einführung als von Weltschmerz geplagter The-Cure-Eskapist, der mit provokantem Verhalten selbst die eigene Mutter kurz aus der Fassung zu bringen vermag, beschließt Lorenzo, das Geld für einen Schulausflug kurzerhand in Lebensmittelrationen und einen Ameisenkasten zu investieren, um die Tage statt in vermeintlicher Schneelandschaft im hiesigen Keller zu zelebrieren. Und zelebrieren, das heißt für Lorenzo in erster Linie: Ruhe. Doch was als ersehnter Rückzug voll Friede und Einkehr begann, währt nur kurz. Unerwartet dringt Stiefschwester Olivia (Tea Falco) durch die Eisentür und verwandelt Lorenzos Keller-Elysium in eine Entzugsanstalt. Die Heroinabhängige im hochflorigen Mantel mag sich nämlich so gar nicht der lakonischen Melancholie des 14-Jährigen unterwerfen. Und dieser wiederum scheint von der destruktiven Sinnlichkeit der fast unbekannten Schwester so verstört wie fasziniert.

Auf diese Weise lenkt sich ein Pol doch hin zu dem anderen. Spannung ist die Folge, aber auch so etwas wie Harmonie. Bertolucci lässt all dies in abgeschirmter Umgebung passieren und wagt sich mit jener Konstellation zwar an keinen unerforschten Ort des eigenen Schaffens, verhandelt seine immerwährende Frage zwischen Grübel-Maskulinum und lukullischer Weiblichkeit aber umso konsequenter. Einzig die Einfühlung in die Welt der Adoleszenz ist ein wenig missglückt. Aber „Ich und du“ ist ohnehin lieber Lehrstück.

Text: Carolin Weidner

Foto: Kool Filmdistribution

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Ich und Du“ im Kino in Berlin

Io e te Italien 2012; Regie: Bernardo Bertolucci; Darsteller: Jacopo Olmo Antinori (Lorenzo), Tea Falco (Olivia), Sonia Bergamasco (Arianna); 97 Minuten; FSK 12

Kinostart: 21. November

Mehr über Cookies erfahren