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Bert Rebhandl kommentiert: Gekicher

Bert Rebhandl

Neulich ging ich ins Arsenal, um mir „Lola“ von Rainer Werner Fassbinder anzusehen. Ich war erstaunt, dort eine lange Menschenschlange anzutreffen, schließlich handelt es sich hier um einen gut erreichbaren Film, keineswegs um ein rares Meisterwerk von einem unterschätzten Regisseur aus Indonesien oder Ecuador, das nie und nimmer auf DVD erscheinen wird.
Doch um Fassbinder ist wohl inzwischen so etwas wie ein Kult entstanden. Der große, früh verstorbene Provokateur hat heimgefunden, in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands macht man sich mit seinen Arbeiten eine schöne Stunde.
„Lola“ rief allerdings durchaus unerwartete Reaktionen hervor. Das Publikum amüsierte sich. Es wurde viel gekichert, und nicht nur mit dem Film, sondern über ihn. Es ist ja auch fast schon possierlich, wie Fassbinder hier stark karikierte Figuren in schriller Ausstattung aufeinandertreffen lässt.
Allmählich kam mir ein Verdacht. Könnte es sein, dass Fassbinder, der in den letzten Jahren nicht zuletzt dank der emsigen Foundation, die sein Werk vermarktet, rauf und runter entdeckt wurde,  gerade historisch zu werden beginnt? Der Anspruch der Kunst ist ja immer, etwas zu schaffen, was nicht veraltet. Und Fassbinder hat genug geschaffen, was in einer produktiven Spannung mit jeder künftigen Ära steht. Bei „Lola“ bin ich mir da gerade nicht mehr ganz so sicher. Ich werde ihn mir wohl noch einmal ansehen müssen. Daheim, auf DVD, und ohne dieses verräterische Gekicher.

Text: Bert Rebhandl

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