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Eichingers RAF-Medley „Der Baader Meinhof Komplex“

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Hier stimmt jedes Einschussloch. Regisseur Uli Edel ist stolz darauf, dass die Anzahl der Schüsse und die Einschusslöcher genauestens belegt sind. Stammt alles aus den Akten. 119 Kugeln bei der Schleyer-Entführung, 15 beim Buback-Mord. Kann man jetzt alles sehen und hören in Uli Edels Film über die RAF. Die Actionszenen darin sind ein Remake der Polizeiberichte.

Auch sonst ist der von Bernd Eichinger produzierte Baader Meinhof Komplex äußerst penibel, total sorgfältig und akkurat. Die Blusen der Terroristinnen, die Frisuren, die Maschinenpistole MP5 von Heckler und Koch, die Sätze aus Ulrike Meinhofs Kolumnen, die Original-Autobahnschilder aus den 60ern, die Handschriften auf den Protestplakaten, das Pult, an dem Rudi Dutschke in der Berliner TU steht und „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh“ skandiert. Alles sehr gewissenhaft, pedantisch und tadellos.

Ebenfalls höchst korrekt verläuft die Chronologie der Ereignisse, die im Sommer 1967 beginnt und im Herbst 1977 endet. Kein Protest- oder RAF-Highlight dieser zehn Jahre wird ausgelassen: die Demo gegen den Schah in Westberlin, der erschossene Student Benno Ohnesorg, der Kaufhausbrand in Frankfurt, das Attentat auf Rudi Dutschke, der Prozess gegen die Kaufhausbrandstifter, das Abtauchen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Ausland, Rückkehr nach Berlin, Treffen mit Ulrike Meinhof, Baaders Verhaftung, Baaders Befreiung, Baaders Militärausbildung in einem Lager der palästinensischen El Fatah in Jordanien. Und das sind gerade mal die ersten drei Jahre.

Szene_aus_Der_Baader_Meinhof_Komplex_von Bernd_EichingerRastlos hetzt der Film von einem Event zum nächsten. Keine Atempause, immer nur weiter, weiter, weiter. Figuren tauchen auf, manchmal wortlos, manchmal sagen sie was. Manchmal erfährt man, wer gerade auftritt, oft bleibt es im Dunkeln. Der stärkste Eindruck, den diese Film-RAF hinterlässt: Sie ist ein unübersichtlicher Haufen. Ein Glück also, dass es die Star-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof gibt. Die sind ohne weiteres wiedererkennbar.

Die nächsten sieben RAF-Jahre verlaufen so wie die ersten drei. Haarklein listet der Film die Events auf. Es ist eine Art „Best of RAF“. Einige der Megahits, die jetzt noch kommen: die Terroristin Petra Schelm wird erschossen, Bombenanschlag auf die Polizeidirektion in Augsburg, Anschlag auf das Axel-Springer-Gebäude, Festnahme von Holger Meins, Jan-Carl Raspe und Baader, später auch von Ensslin und Meinhof, Hungerstreik der RAF-Gefangenen, der Tod von Holger Meins, Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, Stammheim-Prozesse beginnen, Buback und Ponto werden erschossen. Und dann noch das hingeklatschte Finale: Schleyer-Entführung, Lufthansa-Hijacking, Selbstmorde in Stammheim, Schleyers Ermordung. Der ganze Deutsche Herbst ’77 in weggenudelten zehn Minuten. Ein Geschichts-Quickie.

Blutlachen und Autokennzeichen stimmen, Requisite und Chronologie sind akkurat bis zur Pingeligkeit. Darüberhinaus hat der Film aber nichts zu erzählen. Er schafft es noch nicht mal, Zusammenhänge zwischen den vielen kurz angerissenen Events herzustellen. Es ist bebilderter Geschichtsunterricht, in dem Regisseur Uli Edel und Drehbuchautor Bernd Eichinger den Stoff ideenlos herunterrattern. Das Drehbuch besitzt keine Story, die Regie keine Handschrift und der Film keine Spannung.

Die hochkarätigen Schauspielerinnen und Schauspieler hätten den Film retten können, ganz sicher. Zwei, drei Mal gibt es Ansätze dazu, wenn der Film unerwartet zur Ruhe kommt. Doch dann funken Drehbuch und Regie wieder dazwischen und machen die Figuren erneut zu Abziehbildern und Pappnasen. Die vielleicht größte Enttäuschung: Der teuerste deutsche Film aller Zeiten bewältigt seine zweieinhalb Stunden, ohne auch nur eine Minute lang Spannung erzeugen zu können. Und die penibel abgezählten 119 Kugeln, die Edel und Eichinger bei der Schleyer-Entführung verballern, reichen dann doch nicht für eine anständige Actionszene. Und das ist dann die letzte Enttäuschung: „Der Baader Meinhof Komplex“ ist noch nicht mal ein guter Actionfilm.

Text: Volker Gunske

Der Baader Meinhof Komplex ab Do 25.9. in den Kinos

Interview mit Alexander Kluge

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