Festival

Betrachtungen vom 13. Filmfest Zürich

Roger Federer machte den Anfang. Der Schweizer Tennisspieler stahl Regisseur Janus Metz und Schwedens Shooting-Star Sverrir Páll Guðnason, die ihr innovatives Biopic „Borg/McEnroe“ zur Eröffnung des Filmfestivals in Zürich vorstellten, ein wenig die Show auf dem Grünen Teppich

„The Ballad of Lefty Brown“

Mit dem Drama um das legendäre Wimbledon-Endspiel von 1980 und die Psyche der beiden Weltklassesportler entdeckt der Film endlich die Heroen des Spiels auf dem grünen Rasen. Bei Karl Spoerri, Künstlerischer Leiter des Festivals, fanden die Filmemacher schnell ein offenes Ohr. Er ist selbst leidenschaftlicher Tennis-Spieler und organisiert auf den Plätzen des exklusiven Hotels „Dolder“ während des Festivals ein Turnier, bei dem manch Filmdeal eingefädelt wird. Und so war es auch kein Zufall, dass das Festival am Zürichsee mit „Battle of the Sexes“ schloss, der an das Spiel zwischen Billie Jean King (Emma Stone) gegen den einstigen Champion Bobby Riggs (Steve Carell) im Jahre 1973 erinnert. Die Ikone des Damen-Tennis trat damals mit ihren Mitspielerinnen in den Streik, um die gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Kollegen durchzusetzen.

Spoerri und Nadja Schildknecht, die das Festival gemeinsam gründeten und leiten, haben auch im 13. Jahrgang ein attraktives Programm zusammengestellt. Für Glanz und Glamour vor dem Kino Corso und einen Auflauf kreischender Fans sorgten Jake Gyllenhall, der in „Stronger“ einen Überlebenden des Attentats auf den Boston-Marathon spielt, sowie Andy Serkis und Andrew Garfield, die ihre Love-Story „Breathe“ vorstellten. Dazu Bill Pullman, der in „The Ballad of Lefty Brown“ (Foto) als Westernheld brilliert, „Mentalistist“-Star Simon Baker mit seinem Regiebüt „Breath“ – und Moritz Bleibtreu. Der Zürich-Stammgast kam zur Uraufführung des klassischen Gangsterepos „Nur Gott kann mich richten“.

Serkis und Belibtreu stellten sich ebenso wie Alicia Wikander, Regie-Altmeister Rob Reiner und Glenn Close in einer Master Class den Fragen des Publikums. Reiner setzte wie schon im Vorjahr mit seinem Biopic „LBJ“ mit „Shock & Awe“ politische Akzente. Er folgt in seinem medienkritischen Film der Redaktion der Agentur Knight Ridder, die als einzige nach den Anschlägen vom 11. September die Begründung für die Invasion der USA im Irak hinterfragte. Seine Kritik an der damaligen Ignoranz der Medien verband der Reiner mit einem flammenden Plädoyer für den Erhalt kritischer Zeitungen und Fernsehsender als unverzichtbares Korrektiv in der westlichen Demokratie.

Reiner, der sich seit Jahrzehnten gegen Tabakverherrlichung und Gewalt in Filmen engagiert, unterstützte seinerzeit auch den Wahlkampf von Al Gore, in Zürich seinen Dokumentarfilm „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“ persönlich vorstellte – und das just an dem Sonntag, als Präsident Trump die Aufkündigung des Pariser Klimaschutzabkommens ankündigte.

Das Schweizer Kino stellte sich traditionell dem Wettbewerb mit Filmemachern aus Deutschland und Österreich. Die zwölf Filme waren klug zusammengestellt, neben Perlen wie dem geheimnisvolle Streifen „Tiere“ mit Birgit Minichmayr und der österreichischen Komödie „Die Migrantigen“, die mit beißendem Humor unsere Vorurteile gegenüber Einwanderern und die Klischees der Medien aufs Korn nimmt, überzeugten Julia Langhoffs „LOMO – The Language of Many Others“ und Rick Ostermanns „Krieg“, in dem Ulrich Matthes als Kriegsveteran vergeblich versucht, den Schatten seiner Vergangenheit zu entkommen.

Rund 150 Titel von Kinderfilmen bis zu anspruchsvollen Dokumentarfilmen zogen an zehn Tagen die Züricher in ihren Bann. Potentielle Kassenschlager wie „Blade Runner 2049“ waren ebenso vertreten wie Ruben Östlunds Cannes-Gewinner „The Square“ und die neuen Filme von Alexander Paine („Downsizing“), Aaron Sorkin („Molly´s Game“) oder „Arrythmia“, der große Gewinner des russischen Filmfestivals in Sotschi um einen Unfallarzt, der sich bürokratischen Hindernissen wiedersetzt. Dem ungarischen Kino war nach dem Erfolg von „Body & Soul“ eine kleine Werkschau gewidmet.

Zürich hat sein Maß gefunden, das Festivalprogramm ist nie so umfangreich geworden, dass Abstriche an der Qualität der Filme gemacht werden mussten. Durch die Kooperation mit den Festivals von Toronto und San Sebastian holen die Verantwortlichen die besten Filme samt Stars in die Schweiz, dazu kommen die Highlights aus Cannes und Berlin. Fernsehproduktionen, die auf den Festivals von München und Hamburg mittlerweile einen Großteil des Programms ausmachen, sucht man in Zürich vergeblich. Das ist gut so. Zürich – ein Fest des Kinos.

Mehr zum Filmfest Zürich: www.zff.com 

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