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„Beyond the Hill“ im Kino

Tepenin_Ardi_c_GeorgeChiper-Lillemark_Arsenal_InstitutFuerFilmUndVideokunstIm Mittelpunkt steht ein alter Patriarch namens Faik, der voller Misstrauen herumstreift und überall „Nomaden“ vermutet, die ihm das Land streitig machen wollen. Seinen Sohn Mehmet behandelt er wie einen Domestiken, und als der jüngere Sohn Nusret mit seinen beiden Söhnen dazukommt, entwickelt sich allmählich ein hintergründiges Drama, in dem nicht nur familiäre Probleme erkennbar werden, sondern auch nationale.

So trifft hier eine starre Mentalität auf ein reales Problem (die türkische Politik gegenüber den Kurden), wenngleich diese ausdrückliche Lesart vom Film selbst nicht offensiv impliziert wird. Denn die Geschehnisse bleiben bewusst auf diese großartige Landschaft beschränkt, in der noch ein freies Herumstreifen möglich scheint, eine ursprüngliche Lebensform mit Jagen und mit Nächtigungen im Freien. Dies alles ist aber nur möglich, weil Mehmets Frau im Haus für Ordnung sorgt und die Männer sich immer wieder dorthin zurückziehen können, um sich zu erholen oder, in einem Fall, sich auch ein bisschen Liebe zu holen. Emin Alper zeigt Männer, die kaum zu kommunizieren vermögen. Allesamt sind sie grüblerisch in ihre Obsessionen verstrickt, und die Kunst des Films besteht vor allem darin, daraus ein komplexes Spiel aus verzerrten Wahrnehmungen zu machen.

Die Natur wird zur Szenerie einer Geistergeschichte, aber die Geister sind sehr konkret: Sie entstammen einem brüchig gewordenen Ideal männlicher Autorität und Souveränität, das hier gründlich in die Krise gerät. Emin Alper erzählt dies mit viel Sinn für Genrelogiken, vor allem für jene des Westerns, die er radikal psychologisiert und zugleich auf Grundbedingungen nationaler Ideologie überträgt: sichere Grenzen, klare Traditionen, eindeutige Loyalitäten. All das gibt es hier nicht mehr, und selten wurde einer aufstrebenden Mittelmacht, wie es die Türkei längst geworden ist, deutlicher vorgehalten, wie fragil die Grundlagen ihrer Identität sind.

Text: Bert Rebhandl

Foto: GeorgeChiper-Lillemark / Arsenal Institut Fuer Film Und Videokunst

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Beyond the Hill“ im Kino in Berlin

Tepenin Ardi Türkei/Griechenland 2011; Regie: Emin Alper; Darsteller: Tamer Levent (Faik), Reha Özcan (Nusret), Mehmet Özgür (Mehmet); 94 Minuten; FSK k.?A.; Kinostart: 15. November

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