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„Beyond Punishment“ im Kino

Beyond Punishment

Schuld, Strafe, Vergebung, Scham, Selbsterkenntnis: Täter und Opfer einer Gewalttat sind auf ebenso komplexe wie unerfreuliche Weise miteinander verbunden. Wie kann man damit umgehen? Dieser Frage geht Hubertus Siegert in seiner Dokumentation „Beyond Punishment“ nach, für die er in drei Fällen seine Protagonisten – Familienangehörige von Mordopfern und Täter – von 2006 bis 2014 in den USA, Norwegen und Deutschland begleitet hat.
Beyond PunishmentDa sind Lisa und Leola, deren damals 16-jähriger Bruder/Sohn bei einem eigentlich läppischen Streit in der Bronx getötet wurde und die sich vom bis heute leugnenden Täter insbesondere ein Schuldeingeständnis wünschen würden. Ihren Wunsch nach einem Treffen mit dem Mörder lehnt die US-Justiz ab. Stattdessen haben die beiden an einem halbjährlich in einem Hochsicherheitsgefängnis in Green Bay, Wisconsin stattfindenden Gesprächskreis teilgenommen, der verurteilte Gewalttäter (die in keiner konkreten Beziehung zueinander stehen) zu sehr emotional verlaufenden Treffen zusammenbringt.
In Deutschland hingegen sucht Patrick, der Sohn des 1986 von der RAF erschossenen Gero von Braunmühl, einem hohen Beamten im Auswärtigen Amt, nach Antworten auf den bis heute ungeklärten Tathergang. Die aber kann ihm auch RAF-Gründungsmitglied Manfred Grashof, der sich zum persönlichen Gespräch einfindet, nicht geben. Für beide ist der jeweilige Gesprächspartner eigentlich ein Stellvertreter: Während die mutmaßlich für den Mord verantwortlichen Mitglieder der 3.?Generation der RAF nicht mit von Braunmühl reden wollen, findet sich in der Familie eines von Grashof erschossenen Polizisten wiederum niemand, der mit ihm sprechen möchte.
Interessant ist auch der Fall aus Norwegen, denn hier kennen sich die Angehörigen des Opfers und der Täter: Der Mord an der 16-jährigen Ingrid war eine Beziehungs- und Eifersuchtstat unter Jugendlichen. Am Ende lehnt der Vater der Getöteten zwar das Gesprächsangebot des inzwischen schon wieder in Freiheit befindlichen Täters ab, gesteht aber ein, dass ihm die Dreharbeiten, bei denen Regisseur Siegert ihm unter anderem auch zuvor gedrehte Interviews mit dem Täter gezeigt hat, geholfen haben, mit der Situation besser umzugehen.
Denn eines macht „Beyond Punishment“ mehr als klar: Wenn etwas hilft, mit Verlust oder Schuld weiterzuleben und mit Erkenntnisgewinn von der Tat Abstand zu gewinnen, dann ist es das Reden – auch wenn das Sprechen von Opfern und Tätern oft nur über erhebliche Umwege funktioniert.

Text: Lars Penning

Foto oben: S.U.M.O.

Foto unten: Mathias Bothor

Orte und Zeiten: „Beyond Punishment“ im Kino in Berlin

Beyond Punishment, Deutschland 2014; Regie: Hubertus Siegert; 105 Minuten

Kinostart: Do, 11. Juni 2015

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