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„Bigger Than Life – Ken Adam\s Film Desgin“ in der Deutschen Kinemathek

Ken Adam

Bei seiner Amtseinführung 1981 hatte der neue US-Präsident Ronald Reagan einen Wunsch: Er wollte den „War Room“ sehen, den Raum, von dem aus amerikanische Präsidenten den Atomkrieg führen. Seit Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ hatte Reagan von dieser Schaltzentrale des Untergangs ein genaues Bild. Doch so einen Raum gibt es im Weißen Haus nicht. Er ist eine Erfindung des Szenenbildners Ken Adam und gehört in die Reihe der Filmsets des Production Designers, die mittlerweile emblematischen Charakter besitzen und sich unabhängig von den jeweiligen Filmen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.
Ken Adams Werk, das sind einschüchternde Kommandozentralen, bizarre Bürolandschaften, futuristische Fahrzeuge – Maschinenträume vor technoiden Landschaften. Dabei sieht man seinen Entwürfen die intensive Auseinandersetzung mit dem Expressionismus und dem klassischen deutschen Kino der 1920er-Jahre genauso an wie seine offenbar grenzenlose Technikbegeisterung.
Ken AdamDoch die Faszination am technisch Möglichen ist gebrochen, denn die Kathedralen des technischen Wahns, der Konferenzraum mit Space-Shuttle-Kuppel aus „James Bond 007 – Moonraker – Streng geheim“ (R: Lewis Gilbert, 1979) oder Strombergs Unterwasserimperium Atlantis aus „James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte“ (R: Lewis Gilbert, 1977) sind bei Adam die wahren Zentralen des Todes. Ihr einziger Sinn liegt im Weltuntergang, der von hier aus organisiert werden soll – doch da ist James Bond vor.
Adams Filmwelten entstammen dem analogen Zeitalter, überall Hebel, Schalter, Blinklichter und Messuhren, doch verweigern sie sich nie dem Neuen. Sie sind ein Amalgam aus den kantigen Maschinenträumen des expressionistischen Kinos, den Space-Age-Bauten von John Lautner sowie den geschwungenen Linien bunter Pop-Art-Fantasien. Seine Sets sind im besten Sinne zeitlos und schaffen es, selbst hanebüchenen Bond-Plots ein geheimnisvolles Glitzern zu entlocken. Kein Wunder, dass man Anleihen an Adams Entwürfe bei den Bauten einer ganzen britischen Architektengeneration wiederentdeckt. Die Museen, Parlaments- und Bürokomplexe von Richard Rogers, Norman Foster oder David Chipperfield passen zu den Bond-Sets und zitieren mit Wonne die Formensprache Ken Adams.
Dass er außerdem auch für das Design des opulenten wie detailgenauen „Barry Lyndon“ (R: Stanley Kubrick, 1975) verantwortlich ist und die Sets für so verspielte Musicals wie „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ (R: Ken Hughes, 1968) oder „Tanz in den Wolken“ (R: Herbert Ross, 1981) entworfen hat, geht da leicht unter. Doch diese Arbeiten lassen eine andere Facette seines Werks aufscheinen, eine, die weit in Adams Kindheit zurückreicht.
MoonrakerSchon 2012 vermachte Ken Adam sein Archiv dem Filmmuseum am Potsdamer Platz. Das ist weit mehr als eine großzügige Geste. Ken Adam wurde 1921 als Klaus Hugo Adam in Berlin geboren und wuchs unweit des Filmmuseums zwischen St.-Matthäus-Kirche und Tiergartenstraße auf. Die Familie musste 1934 emigrieren und überlebte in London, wo Adam im Abendstudium Architektur studierte. Als Flight Lieutnant der Royal Air Force kehrte er bei Kriegsende nach Berlin zurück. Bis auf die St.-Matthäus-Kirche und das Shell-Haus war vom Stadtteil seiner Kindheit nichts mehr übrig, die großbürgerliche Welt, in die Adam hineingeboren wurde – eine Kindheit mit Kindermädchen, morgendlichen Ausritten des Vaters im Tiergarten, dem Salon mit dem Stillleben von Renoir und duftenden Zigarren im Herrenzimmer –, gab es nicht mehr.  
In Adams Vorliebe für Zigarren sieht Boris Hars-Tschachotin dann auch eine Hommage an diese unbeschwerte Kindheit. In seinem Katalogtext erinnert sich der Regisseur und Kurator, wie er bei der Motivsuche zu Istvбn Szabуs „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ (2001) zusammen mit Adam die ehemalige Siemens-Villa in Potsdam besuchte. „Ken Adam bekommt plötzlich leuchtende Augen. Ein mit Holz getäfelter Raum der Villa, in dem es leicht würzig riecht, hat ihn augenblicklich weit zurück in die Vergangenheit versetzt: in das mit dunklem Holz verkleidete Herrenzimmer seines Vaters in der Tiergartenstraße 8 mit dem kleinen Rauchschrank. (…) Während sein Vater Fritz sich dem Genuss einer Zigarre hingab und vielleicht von Abenteuerreisen und Expeditionen träumte, zeichnete sein Sohn mit Begeisterung die entsprechenden Transportmittel: stromlinienförmige Flugzeuge, moderne Schiffe und schnelle Autos.“

Text: Nico Schröder

Foto oben: Danjaq, LLC and United Artists Corporation. All rights reserved.

Foto mittig: With thanks to the SK Film Archives LLC, Warner Bros. and University of the Arts London

Foto unten: Sir Ken Adam / Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv

Bigger Than Life – Ken Adam’s Film Design, 11.12.–17.5.2015, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

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