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In Bildern denken: Drei deutsche Filme im Forum

Im November 2005 musste im niederländischen Leeuwarden ein Spatz erlegt werden. Der kleine Vogel drohte eine große Sache kaputt zu machen, eine rekordverdächtig lange Reihe von Dominosteinen, für deren Anordnung ein Spatzenhirn natürlich kein Verständnis hat. Am nächsten Tag stand die Sache in vielen Zeitungen, und auf diese Weise kam ein Tier zu einiger Prominenz, das sonst meist unbeachtet bleibt: der Haussperling, ein gefiederter Winzling, den selbst die meisten Tierfreunde irgendwie für selbstverständlich nehmen.
Der Dokumentarfilmer Philip Scheffner hat jetzt einen ganzen Film über Spatzen gedreht, in dem es aber noch um sehr viel mehr geht, um Afghanistan nämlich und das Engagement deutscher Truppen dort, um Familienurlaube in der Kindheit, am Rande auch um eine „Entenfanganlage der Hohenzollern“. Wie das alles zusammenhängt, ist im Grunde schon die kritische Spitze von „Der Tag des Spatzen“. Denn Philip Scheffner arbeitet in seinem zweiten Film nach „The Halfmoon Files“ neuerlich an einer Form des Wissens, die offen ist für beiläufige Details und für kühne Abschweifungen zugleich.
In dem Moment, in dem er sich für Spatzen zu interessieren beginnt, setzen sich die Dinge neu zusammen. Spatzen sind (als Vogelschlag) ein Problem für die zivile und militärische Luftfahrt, auch in Afghanistan, wo an dem Tag, an dem in Leeu­warden ein Spatz erlegt wurde, ein deutscher Soldat starb. Scheffner dokumentiert seine Telefonate mit der deutschen Bundeswehr, deren Öffentlichkeitsarbeiter bei einem Projekt mit dem Titel „Der Tag des Spatzen“ naturgemäß skeptisch sind und deswegen nicht so recht darauf eingehen wollen, dass sie sich für das Projekt filmen lassen sollen.
Scheffners Arbeit steht ganz für sich, als eigensinnige Untersuchung einer Wirklichkeit, deren Zusammenhänge sich vielfach entziehen. Und doch gibt es auch interessante Beziehungen zu zwei weiteren deutschen Filmen im Forum, die eine ähnlich intellektuelle Haltung einnehmen und sich vor allem durch konsequentere Fiktionalisierung unterscheiden: „Sunny Land“ von Aljoscha Weskott und Marietta Kesting ist eine Collage über „Sun City“, eine Stadt, die früher einmal so etwas wie das Las Vegas von Südafrika war – als dort noch die Apartheid galt; „Eine flexible Frau“ von Tatjana Turansky ist ein relativ orthodoxer Spielfilm über eine Architektin, die sich in einem Call­center verdingt – aber auch hier geht es ganz grundlegend um Formen des Wissens über gesellschaftliche Zusammenhänge und darum, ob dieses Wissen einem selber hilft.

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