Kino & Stream

Bill Murray im Interview

Bill Murray

tip Herr Murray, hatten Sie einen persönlichen Bezug zur Figur Roosevelt?
Bill Murray Er war der Held meiner Eltern, sie waren Demokraten. Ich wurde in einer Zeit groß, als Präsidenten noch nicht gehasst wurden. Sobald sie gewählt waren, entspannte man sich und mochte sie einfach. Sie waren „unser Mann“, gleich aus welcher Partei. Aber ich habe dann noch viel über Roosevelt nachgelesen. Und was ich las, gefiel mir. Was dieser Mann allein körperlich durchstehen musste, wäre heute ein Thema von möglichen Spezialsendungen auf CNN. Trotz seiner Lähmung wurde er erst Gouverneur von New York, dann Präsident und vollbrachte dabei außerordentliche Leistungen. Das war ein gewaltiges, monumentales Leben.

tip Nicht unerheblich sollen auch die Leistungen sein, die er auf amourösem Gebiet vollbrachte. „Hyde Park am Hudson“ zeigt, wie wichtig ihm seine Mätressen waren.
Bill Murray Lassen wir die Kirche im Dorf. Der große Hengst war er nicht gerade. Von seiner Behinderung einmal abgesehen, musste er als Präsident auch noch die große Depression bekämpfen und in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Wie viel Zeit für Sex soll er da gehabt haben?

tip Wie biografisch exakt ist denn das Porträt, das Sie von ihm zeichnen?
Bill Murray Unser Roosevelt ist eine Schöpfung. Aber wir mussten uns natürlich nach den Grundfakten richten; die waren vorgegeben. Innerhalb dieses Rahmens gab es viel Bewegungsspielraum. Ich versuchte seine Persönlichkeit und sein Charisma zu vermitteln. Dieser Mann hatte einen enormen emotionalen IQ. Das heißt, er konnte seine eigenen Emotionen kontrollieren, anstatt sich von den Gefühlen der anderen beeinflussen zu lassen. Er erkannte, welche Grundbedürfnisse sein Gegenüber hatte, und versuchte denen gerecht zu werden. Dieses Motiv findet sich in seinen Begegnungen mit den verschiedenen Figuren. Und letztlich war das der Kern seiner Präsidentschaft. Er zeigte den Menschen: Ihr seid nicht allein, ihr werdet nicht vergessen.

tip Sie waren sich aber bewusst, dass Sie das Terrain von „The King’s Speech“ betreten. Nicht zuletzt, weil dessen Protagonist König George auch eine Schlüsselfigur von „Hyde Park am Hudson“ ist.
Bill Murray Die Arbeit am Drehbuch reicht tatsächlich schon Jahre zurück; es gab auch ein Hörspiel. Offen gestanden hatte ich von diesen Überschneidungen keine Ahnung, weil ich den Film gar nicht kannte. Erst kurz vor der Premiere meinte jemand: „Das ist ja eine Fortsetzung zu ‚The King’s Speech‘.“ Ich entgegnete: „Und ist ‚The King’s Speech‘ lustig?“ Man sagte, nein. Aber unser Film ist es. Das ist eher wie „Ein Mittsommernachtstraum“. Für einen Schauspieler war es das reinste Vergnügen. Es gab Szenen, die wollte ich noch einmal spielen, obwohl der Regisseur längst „Schnitt“ gerufen hatte.

Bill Murraytip Es gab ursprünglich Spekulationen, dass Sie dafür eine Oscar-Nominierung bekommen könnten – was sich allerdings nicht bewahrheitet hat.
Bill Murray Der einzige Nutzen von Oscars und Nominierungen ist, dass sich mehr Leute deinen Film ansehen. Man darf sich da nicht hineinsteigern. Wobei das schneller geschieht, als man  denkt. Bei „Lost in Translation“ ist mir das selbst passiert. Bei den ganzen Verleihungen zuvor hatte ich bereits abgeräumt. Bevor man also den Gewinner verkündete, zog ich noch meinen Schlips gerade, aber dann hörte ich auf einmal den Namen von Sean Penn. Ich dachte mir: „Das ist doch komisch. Jetzt habe ich mich extra dafür zurechtgemacht.“ Ein halbes Jahr später begriff ich, dass ich offenbar doch der ganzen Verführung erlegen war. Es war wie eine leichte Infektion, die ich mir zugezogen hatte.

tip Haben Sie Sean Penn seinen Oscar gegönnt?
Bill Murray Sagen wir’s so: Er hat viele andere Filme gedreht, für die er Preise hätte gewinnen können und die er doch nicht bekam. Am Schluss gleicht sich alles aus.

tip Mit Komödien haben Sie sowieso ein schweres Spiel, vielleicht hätten Sie sich aufs dramatische Fach konzentrieren
sollen.
Bill Murray Das hat sich einfach so ergeben. Ich kam von „Saturday Night Live“ und so kam es, dass ich lustige Filme drehte. Danach folgten die exzentrischen Rollen in den Filmen von Sofia Coppola und Wes Anderson. Aber ich habe nichts dagegen. Du erfährst viel guten Willen, wenn du Komödien drehst. Die Leute lächeln dich schon an, wenn sie dich sehen.

tip Und sind Sie wirklich so lustig?
Bill Murray Teilweise schon. Ich kann aber auch ein ziemliches Ekel sein. (lacht) Aber – ich hatte das Glück, viel Zeit mit lustigen Menschen zu verbringen. Das färbt ab.

Interview: Rüdiger Sturm

Fotos: Nicola Dove / Focus Features / TOBIS Film

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Hyde Park am Hudson“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren