• Kino & Stream
  • „Birdwatchers“-Regisseur Marco Bechis im Gespräch

Kino & Stream

„Birdwatchers“-Regisseur Marco Bechis im Gespräch

Marco Bechistip Herr Bechis, in „Birdwatchers“ zeigen Sie das Leben der indigenen Bevölkerung in Brasilien nicht nur, wie es sich vom Touris­tenboot aus darstellt, sondern auch aus der Perspektive der Guarani-Kaiowб in der Region Mato Grosso do Sul selbst. Wie kam es zu diesen Projekt?
Marco Bechis Ich war am Anfang selbst ein „Birdwatcher“. Ich wollte einen Film über die Conquista und das Problem der indigenen Völker in Südamerika machen. Einen fiktionalen Film in Amazonien. 2004 reisten wir in die Region – in das Land von Werner Herzog, wenn Sie so wollen –, und wir begriffen, dass das nicht existierte, was wir uns vorgestellt hatten. Dann gingen wir nach Mato Grosso do Sul, wir trafen Ambrуsio und seine Gruppe und lernten die Situation in der Region nach 50 Jahren Abholzung kennen. Ich begann ganz von vorn. Ich wollte weg von der Anthropologie, die auf einen objektiven Blickpunkt zielt. Ich beschäftigte mich mit subjektiver Erfahrung, mit Geistern.

tip Sie wechselten den Standpunkt – aber geht das überhaupt?
Bechis Meine erste Geschichte handelte von einer Frau, die von den Yanomami-Indianern gekidnappt wird, als sie zehn Jahre alt ist. Im Jahr 1932. Sie lebt 25 Jahre mit den Indianern und kann dann entkommen, sie trifft ihre Familie, aber niemand erkennt sie wieder, weil sie indianisch geworden ist. Sie ste­ckt zwischen den Kulturen. Es gibt viele Filme über Indianer, in denen die Hauptfiguren Weiße sind: „The Mission“, „Fitzcarraldo“. In allen diesen Filmen haben wir einen weißen Vordergrund und einen indigenen Hintergrund. Das habe ich umgedreht.

tip … indem Sie die Geschichte mit der Gruppe von Indianern ent­wickelten, um die es im Film geht. Hätte nicht auch ein Dokumentarfilm daraus werden können?
Bechis Dokumentarfilme stehlen Bilder, der Austausch ist nicht immer sehr fair. Bei uns war es so: Diese Leute aus der Gruppe um Ambrуsio, mit dem ich von Beginn an zu tun hatte, arbeiteten für und mit uns wie Professionals. Sie wurden als solche bezahlt. Ich arbeite lieber mit einem indianischen Schauspieler, der einen Indianer spielt, als mit einem Indianer, der sich selbst spielt. Wir haben chronologisch gedreht. Die weißen Schauspieler bekamen ein Drehbuch, aber das war nur pro forma. Am Morgen saßen wir am Tisch und diskutierten das, was kommen sollte. Für die weißen Schauspieler war das schwierig.

tip Im Mittelpunkt von „Birdwatchers“ steht ein junger Mann, der eine Berufung erfährt: Er soll der nächste Schamane seiner Gruppe werden. Sie filmen seine Erfahrungen häufig subjektiv – um uns das Weltgefühl der Indianer zu vermitteln?
Bechis
Die Indianer fühlen sich uns überlegen, sie glauben, dass sie das Zentrum des Universums sind. Land ist für sie kein Eigentum, sie fühlen sich als Teil davon, sie jagen darauf, sie fischen, und sie ziehen herum. Inzwischen sind sie in ihren Bewegungen zunehmend eingeschränkt, weil sie überall auf eingezäuntes Besitztum stoßen. Wenn sie heute ihr Land ohne Bäume vorfinden, dann ändert das nichts an ihrem Anspruch auf das Land. Wir haben eine ökologische Perspektive, sie haben diese nicht. Ein Baum ist für die Indianer ursprünglich ein Störfaktor, sie brennen die Bäume ab, um Land zum Bewirtschaften zu haben. Aber sie tun das in kleinem Stil. Als in den 40er Jahren die ersten Kolonisten kamen, sagten diese: Wir sind hier, um die Bäume umzuschneiden. Sie sagten: Okay, wir helfen euch, und ihr bezahlt uns. In den 50er Jahren kamen die Rinder, mit Flugzeugen, und die Katastrophe begann. Wenn die Indianer heute ihr Land wieder aufsuchen, dann sind sie pragmatisch, sie arbeiten auch für die Farmer, aber ihr Ziel ist ganz klar, auf dem eigenen Land zu sein.

Interview: Bert Rebhandl

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 15/09 auf den Seiten 42-43.

Lesen hier: „Birdwatchers“ im Kino

Mehr über Cookies erfahren