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„Black Swan“ im Kino

Black_SwanDer französische Regisseur Jean-Pierre Melville hat in Bezug auf seine sehr stilisierten Dramen und die Frage nach Realismus im Film einmal sinngemäß erklärt, ihm sei es stets darum gegangen, die Illusion soweit aufrechtzuerhalten, dass sich der Zuschauer erst fünfzehn Minuten nach Verlassen des Kinos sage: Nein, das ist alles ganz falsch, nie im Leben käme so ein Typ in Hut und Regenmantel daher, um einen Nachtclubbesitzer zu erschießen.

Von Darren Aronofsky kann man nun auch kaum behaupten, er huldige in seinem Psychohorrorfilm „Black Swan“, den er selbst als dunkles Märchen beschreibt, einem gesteigerten Realismus. Doch gemessen an Melvilles Vorgabe tritt hier das Gegenteil ein. Angesichts der geistigen Schlichtheit des Unterfangens sagt man sich nun bereits nach fünfzehn Minuten: Nein, das ist alles ganz falsch, niemals würde ein Choreograf, der seine sieben Sinne noch beisammen hat, die Rolle des verführerischen, „bösen“ schwarzen Schwans in Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ mit dieser todlangweiligen Perfektionistin Nina (Natalie Portman) besetzen, die anschließend an der Aufgabe zugrunde geht, ein „dunkles“ Ich zu ergründen, das sie gar nicht besitzt. Und damit dreht der „Black Swan“ eine Pirouette auf tönernen Füßen.

Dass es Aronofskys Film auf die Titelseiten einer Reihe von international renommierten Filmzeitschriften geschafft hat, kann angesichts einer Vielzahl von attraktiven Bildmotiven nicht erstaunen. Verwunderlich aber ist, dass „Black Swan“ in der Berichterstattung immer wieder profunde Einsichten in die Welt des Balletts, wenn nicht gleich der großen Kunst im Allgemeinen, bescheinigt werden. Dabei ist der Kunstbegriff des Films ebenso schlicht wie dubios: Man kann nur das darstellen, was man auch selbst durchlebt hat. Und auch in Sachen Ballett hat Aronofsky eigentlich nur Plattitüden anzubieten: harte Arbeit, gnadenloser Konkurrenzkampf. Und daheim sitzt die Übermutti, die ihre eigenen Karriereambitionen auf die Tochter projiziert, die, wenn sie gerade mal nicht probt, in einer Kinderzimmerwelt voller rosa Plüschtiere lebt.

Ironie ist bei Aronofsky übrigens nicht im Spiel, die absurden Überdeutlichkeiten meint der Film völlig ernst: Geradlinig und ohne jede Brechung zieht „Black Swan“ seine Geschichte vom Fall der Ballerina in die Welt der Psychosen und Halluzinationen bis zum – dem Stummfilmklassiker „Der Student von Prag“ entlehnten – Finale durch. Als weiteres Handicap kommt hinzu, dass Portman für die Rolle der aufstrebenden Ballerina wenigstens zehn Jahre zu alt ist.

Das wäre halb so schlimm, würde sich „Black Swan“ einfach als der lustige Exploitationhorror verstehen, der er im Grunde ist. Doch da steht Aronofskys Perfektionismus dazwischen: Alles sieht hier so verdammt gut aus, ist handwerklich absolut mustergültig umgesetzt, darin ähnelt der Regisseur letztlich seiner tristen Hauptfigur. Hoffentlich bekommt er jetzt keine Psychose.     

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Black Swan“ im Kino in Berlin

Black Swan, USA 2010; Regie: Darren Aronofsky; Darsteller: Natalie Portman (Nina), Vincent Cassel (Thomas Leroy), Mila Kunis (Lilly); 111 Minuten; FSK 16

Kinostart: 20. Januar

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