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„Blau ist eine warme Farbe“ im Kino

Blau ist eine warme Farbe

Nach der Goldenen Palme von Cannes und einer ursprünglich großen Begeisterung hat „Blau ist eine warme Farbe“ in den letzten Monaten vor allem für Kontroversen gesorgt: Julie Maroh, die Autorin jener Graphic Novel, auf der der Film lose basiert, bezeichnete die Sexszenen als pornografisch und überhaupt erschien der zwangsläufig männliche Blick des Regisseurs auf eine lesbische Beziehung vielen plötzlich sehr suspekt.
Doch die Aufregung verstellt den Blick auf die tatsächlichen Qualitäten des Films, der mit großer Ruhe und viel Zeit von der Entwicklung der zu Beginn erst 15-jährigen Adиle (Adиle Exarchopoulos) erzählt, in der die Entdeckung der eigenen Sexualität und die erste Liebe natürlich eine zentrale Rolle spielen. Dass es sich dabei um eine lesbische Beziehung zur Künstlerin Emma (Lйa Seydoux) handelt, zeigt der Film jedoch mit derartig unverblümter Selbstverständlichkeit, dass man fast meinen könnte, er nähme es gar nicht wichtig. Die Reaktionen der Umwelt sind etwa in Bezug auf die (Homo-)Sexualität fast völlig ausgespart, stattdessen geht es ausschließlich um die universell erfahrbare Intimität zweier Menschen, für die Kechiche eine logische ästhetische Entsprechung findet: Drei Stunden lang wird dem Zuschauer Adиles Verlangen nach Nähe in Großaufnahmen geradezu zwingend aufgenötigt.
Daneben betreibt „Blau ist eine warme Farbe“ aber auch eine sehr genaue Studie der Milieus, aus denen die Liebenden stammen und deren Unterschiede das Scheitern ihrer Beziehung letztlich stärker bedingen als der tatsächliche Auslöser: Emmas freizügige Boheme-Welt wird der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Adиle immer fremd bleiben, zugleich hat sie der Ausbruch aus der Enge ihres Elternhauses als Mensch aber auch weitergebracht. Am Ende ist das Leben der Adиle im besten Sinne offen.

Text: Lars Penning

Foto: Alamode Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Blau ist eine warme Farbe“ im Kino in Berlin

Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adиle – chapitres 1 & 2?), Frankreich/Belgien/Spanien 2012; Regie: Abdellatif Kechiche; Darsteller: Adиle ?Exarchopoulos (Adиle), Lйa Seydoux (Emma), Salim Kechiouche (Samir); 180 Minuten; FSK 16

Kinostart: ?19. Dezember

Lesen Sie hier ein Interview mit den beiden Hauptdarstellerinnen: Adиle Exarchopoulos und Lйa Seydoux im Gespräch

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