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„Blue Valentine“ im Kino

Blue Valentine

Tote Haustiere sind im Kino eine etablierte Chiffre für den emotionalen Niedergang. Als ihr Hund überfahren wird, eskaliert der Konflikt zwischen Dean und Cindy, dem Gelegenheitshandwerker und der Krankenschwester. Ihr Kleinfamilienidyll zerfällt im Zeitraffertempo. Es sind 48 Stunden, in denen beide sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, mit der Frage nach Schuld und Erwartungen, Vorwürfen und Vertrauen. Irgendwann hatte sich die junge, ehrgeizige Medizinstudentin in den begabten Musiker und Lebenskünstler verliebt, wollten sie in einer dramatischen Situation das gemeinsame Leben wagen, das nun zwischen unaufgeräumter Küche und unerfüllten Hoffnungen festgefahren ist.
„She sends me blue valentines/All the way from Philadelphia/To mark the anniversary/Of someone that I used to be“, beginnt der alte Song von Tom Waits, der mit dem zweiten Spielfilm von Derek Gianfrance mehr als nur den Titel gemein hat. Auch „Blue Valentine“ beschwört die Macht der Erinnerung – gerade dann, wenn der Kontrast zwischen Damals und Jetzt besonders schmerzlich ist. Der unruhige, manchmal brachiale Wechsel aus Rückblenden und Gegenwartsszenen ist keine Demonstration dramaturgischer Virtuosität, sondern strukturell begründet in diesem Film, der vom Angriff der verklärten Vergangenheit auf den trostlosen Alltag erzählt. Die Zeit der ersten Liebe wird durch Ausstattung und Licht auf subtile Weise entrückt und überhöht. Wenn Dean Cindys Herz erobert, als er vor einem nächtlichen Schaufenster Ukulele spielt, wird eine spezifische Romantik des Independent-Kinos zitiert, die cool, ironisch und jugendlich ist – und weit entfernt von der prekären, von Zeitdruck, Geldmangel und Frustration geprägten Situation des Paares.
Entsprechend irritierend ist es, als sich recht spät im Film herausstellt, dass seit der anfänglichen Romanze erst vier Jahre vergangen sind, wodurch die Zersetzungsprozesse, denen die Beziehung unterworfen ist, umso aggressiver und bedrohlicher wirken. Und doch behauptet der Film die heilsame Kraft des Erzählens, denn die Geschichte, die von ihrem bitteren Ende her rekonstruiert wird, stellt gerade im Erzählen des vergangenen Glücks dieses Ende wieder zur Disposition.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Davi Russo (Senator)

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Blue Valentine“ im Kino in Berlin

Blue Valentine, USA 2010; Regie: Derek Cianfrance; Darsteller: Ryan Gosling (Dean), Michelle Williams (Cindy), Faith Wladyka (Frankie Periera); 112 Minuten; FSK 12

Kinostart: 4. August

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