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Bong Joon-ho im Gespräch

Bong Joon-hotip Herr Bong, nach dem großen Erfolg Ihres Monster-Films „The Host“ sind Sie wieder zu einem kleineren Format zurückgekehrt. Was hat Sie dazu bewegt?
Bong Joon-ho Ich plane Filme nicht nach der Größe, sondern nach dem Inhalt und der Story, die mir gefallen. An sich war „Mother“ schon seit 2000, also vor „The Host“ geplant. In „The Host“ kommt die Familie vor, die Gesellschaft, das gesamte System. Es war eine Ausstellung der verschiedensten Karikaturen, auch der USA. Bei „Mother“ wollte ich mich dagegen auf eine Geschichte und eine Figur konzentrieren.

tip In gewisser Weise ist in „Mother“ das Ungeheuer nun in der Familie selbst gelandet.
Bong (lacht) Ja, das ist richtig. In diesem Film wird die Mutter zu einem Monster.

tip Sie haben gerade ein Brennglas auf Ihren Notizblock gezeichnet.
Bong Weil Sie gerade den Film „The Host“ mit „Mother“ verglichen haben. Das soll „The Mother“ darstellen, wo sich das Licht zu einem Punkt hin bündelt.

tip In welchem Verhältnis steht „Mother“ zu den Familienbildern in der koreanischen Gesellschaft und im koreanischen Fernsehen?
Bong Ich denke, in allen Ländern gibt es bestimmte Vorstellungen in Bezug auf die Mutter. Besonders das Verhältnis Mutter und Sohn kann eine ganz seltsame, interessante Konstellation sein, auch in Korea. Eine Liebesbeziehung, fast ein Liebespaar, in dem der Sohn für die Mutter das Höchste darstellt. Sobald dann der Sohn eine Frau kennenlernt, können sich für alle ganz viele schwierige Konflikte ergeben. In den koreanischen Fernsehserien und Melodramen werden zu fast siebzig Prozent diese Konflikte behandelt. Ich wollte jetzt nicht die ödipale Konstruktion oder das sexuelle Begehren der Figuren in aller Tiefe erforschen, aber dennoch die seltsame Beziehung zwischen Mutter und Sohn thematisieren. Man kennt ja etwa aus Italien diese sehr starke, übermächtige Mutterfigur, aber das ist auch in Korea so: Mütter, die überbeschützend werden.

tip Haben Sie Ihre Hauptdarstellerin, die Schauspielerin Kim Hye-ja, ausgewählt, weil sie im koreanischen Fersehen immer wieder dieses Mutterbild verkörpert hat?
Bong Die Figur ist natürlich extrem, aber sie spiegelt auch eine koreanische Realität. Aber der Ausgangspunkt ist dieses bekannte Stereotyp. Kim Hye-ja hat in den letzten dreißig Jahren viele solche Figuren gespielt, aber bei mir wird das an den extremsten Punkt getrieben. Sie wird zu einer komplett anderen Figur als in den Serien.

tip In allen Ihren Filmen, auch in Ihrem Serialkiller-Film „Memories of Murder“ und natürlich in „The Host“ gibt es ein bewusstes Overacting von Akteuren, eine burleske Seite, wenn die Figuren unter Druck geraten.
Bong Wenn ich ein Drehbuch schreibe, gehe ich eigentlich immer von schwachen Figuren innerhalb der Gesellschaft aus, von Verlierern, die in eine extreme Situation gedrängt werden, woraus die dramatische Handlung entsteht. Wenn man sich eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Figur vorstellt, könnte man daraus diese Spannung gar nicht erzeugen. Im Film versucht die Mutter selbst ja den Mordfall zu recherchieren. Das ist vielleicht etwas typisch Koreanisches: das Gefühl, dass wenn etwas Extremes geschieht, ein Unglück, dass man sich dann nicht auf den Staat verlassen kann, sondern selbst die Situation bewältigen muss.

tip Und die Kombination von Genre-Elementen und Burleske, was interessiert Sie daran?
Bong Ich denke, im alltäglichen Leben gehört immer beides zusammen. Wenn man auf eine Beerdigung geht, gibt es immer wieder auch lustige Situationen und Figuren. Es passt im Leben nicht immer alles zusammen, alles existiert parallel. Ich versuche, die Figuren in solchen Situationen darzustellen, aber nicht um den Zuschauer bewusst zum Lachen zu bringen. Ich liebe die Momente, wenn einem nach dem Lachen ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 17/10 auf den Seiten 34-37.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto Bong Joon-ho: David von Becker

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Mother“ im Kino in Berlin

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