Kino & Stream

„The Boss Of It All“ von Lars von Trier

The Boss Of It AllEine Figur wird durch die Eigenschaften geformt, die ihr fehlen, nicht durch das, was sie ist. Lars von Trier legt diese ziemlich fortschrittliche Idee von Identität in seinem jüngsten Film einem Schauspieler mit Liebe zum Avantgardetheater in den Mund. Svend ist „The Boss of It All“, der Titelheld gewissermaßen, aber es ist schwer zu sagen, wer hier wirklich der Chef ist. In von Triers Filmen waren die Dinge nie ganz einfach gelagert, und auch in dieser Bürokomödie gibt es viele Seltsamkeiten zu bewundern.
Svend, der eigentlich Kristoffer heißt, fehlt gewiss eine klare Identität. Er wurde engagiert, um in einem schmucklosen Bürogebäude am Rand von Kopenhagen ein kleines, absurdes Theater zu veranstalten. Der eigentliche Eigentümer des Unternehmens spielt seinen Mitarbeitern seit Jahren vor, dass für alle unpopulären Maßnahmen tatsächlich allein der in Amerika weilende, angebliche Chef des Ganzen verantwortlich sei. Jetzt soll die Firma verkauft werden, für 33 Millionen Euro, und für diesen Vertragsabschluss soll Svend nun eine Woche lang den Boss spielen.
Von Trier legt ihm dabei einiges in den Weg: die Hass-Hypotheken, die sich über die Jahre beim sechsköpfigen Kreativ-Team des Unternehmens angesammelt haben etwa. Prügelattacken warten auf ihn, alte E-Mail-Heiratsversprechen, die plötzlich von verschüchterten Mitarbeiterinnen eingefordert werden, während andere lieber auf die dominante Bürosexkarte setzen. Svend (Jens Albinus) hat eigene Ideen, wie man damit umgehen könnte, vor allem aber hält er an einem Theoriegrundsatz fest, der seinem Auftraggeber Ravn (Peter Gantzler) Angst machen muss: „Man muss verstehen, dass heute das Entscheidende in der Komödie ist, sie deutlich zu machen und zu offenbaren.“ Aber was ist jetzt los? Pause? Intermission? „Nein!“, ruft der Regisseur in der 44. Minute in den Film hinein. Hier läuft ihm alles zu gut und zu glatt.
Auf einem riesigen Kamerakran kreist er an der Außenfassade des Bürohauses hoch, um wie schon zu Beginn des Films den Zuschauer zu belehren. Es ist ein großer und zugleich fast unsichtbarer Lars-von-Trier-Auftritt, gespiegelt in den Glasscheiben des Gebäudes. „Keine Komödie ohne Pause!“, kräht von Trier. „Wir müssen Vitamine liefern, selbst wenn wir zögerlich sind. Bloß, wer will schon der Arzt sein, der mit einer Spritze in der Hand das Spiel eines Kindes unterbricht? Tja, das wäre dann wohl ich. Ich muss eine neue Figur ins Spiel bringen …“
The Boss Of It AllWer ist der Herr im Haus, wer regiert darin? Die Frage verhandelt Lars von Triers Kino lange schon, auf jeder denkbaren metaphorischen Ebene und mitunter nicht wenig schmerzhaft. Und wem gehört das verdammte Haus überhaupt? Die große Kränkung, die Freud dem modernen Subjekt zugefügt hat, war, dass wir als vermeintlich autonome Akteure unseres Lebens doch maßgeblich von unbewussten Ängsten und Neurosen mitgesteuert werden. Nicht nur Ravn, der um alles in der Welt geliebt werden will, spielt nach dieser Regel.
In Lars von Trier findet diese Wahrheit einen würdigen Erzähler, der darüber in den Geschichten, aber ebenso in den Formen des Kinos nachdenkt. Dogmen, Hindernisse, Spiel mit der Kontrolle auf allen Ebenen: Seine überaus vergnügliche Komödie hat der experimentierfreudige Regisseur mit einem neuen Kameraverfahren aufgenommen, das Automavision heißt und die exakte Wahl des Bildausschnitts an ein Computerprogramm delegiert. Einem Zuschauer, der nicht darauf achtet, fällt der Unterschied vielleicht nicht gleich ins Auge, aber tatsächlich springt der Bildausschnitt willkürlich und ziemlich unorthodox hin und her, werden Bild- und Tonmontage scheinbar ohne Plan gesetzt. Eine bizarre Mischung aus Kontrollzwang und Kontrollverlust entsteht so, in der sich das Grundthema der Erzählung widerspiegelt. Ähnliche Effekte hatten bereits das Dogma-Manifest mit seinen technischen Geboten oder die Hindernisse, die von Trier in „The Five Obstructions“ für seinen Regiekollegen Jшrgen Leth errichtete. Einer der erhofften Effekte der neuen Kameratechnik in „The Boss of It All“ war, die Schauspieler so weit zu desorientieren, dass sie nicht kontrolliert für die Kamera spielen konnten. Ein anderes Motiv lag gewiss auch in der Grundskepsis des Regisseurs ge­gen­über jeder Stilisierung der Filmarbeit, der Kreativität, der Inspiration zu glamourösen Mysterien.
Mit „The Boss of It All“ hätte Lars von Trier auf jedem A-Festival landen können, ein Platz im Wettbewerb von Cannes wäre ihm sicher gewesen. Doch er zog es 2006 vor, den Film auf dem Kopenhagener Filmfestival zu zeigen, vor der eigenen Haustür. „The Boss of It All“ startete dort ohne großen medialen Erwartungsdruck und verschwand prompt aus dem Fokus von internationaler Presse und Publikum, weil sich Lars von Trier lieber um sein Gartengemüse küm­mern wollte.
Mehr als zwei Jahre hat es gedauert, bis der Film endlich in Deutschland starten konnte: „The Boss of It All“ hält damit aus nun fast schon historischer Distanz auch ein finales Kapitel des Kreditblasen-Investoren-Kapitalismus fest, an das sich die Skandinavier noch lange erinnern werden. Den isländischen Käufer des Unternehmens spielt von Triers grimmiger Regiekollege Fridrik Thor Fridriksson, der die Verhandlungen mit ungeduldigen Hasstiraden gegen die dummen, brabbelnden, verdamm­ten Scheißdänen begleitet, die sein Volk 400 Jahre lang unterdrückt hätten. In der grauen Wirklichkeit scheint die Revanche der Isländer an den Dänen durch Aufkauf ihrer Städte und Firmen gründlich gescheitert. Im Film könnte sie gelingen, wenn der Regisseur es nur wollte. Aber wer weiß schon, wer hier wirklich Herr im Haus ist, solange es hinter jedem Boss noch den „boss of the boss of it all“ gibt?

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

The Boss Of It All (Direktшren for det hele), Dänemark/Schweden/Frankreich 2006; Regie: Lars von Trier; Darsteller: Jens Albinus (Kristoffer), Peter Gantzler (Ravn), Iben Hjejle (Lise); Farbe, 99 Minuten

Kinostart: 15. Januar 2009

Mehr über Cookies erfahren