• Kino & Stream
  • Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastian über Terrence Malick und „The Tree of Life“

Kino & Stream

Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastian über Terrence Malick und „The Tree of Life“

Brad Pitt„Ein sehr bescheidener Mann“
Brad Pitt über Terrence Malick und „The Tree of Life“

„Bei einem Dreh ist man normalerweise von sehr viel Lärm und Exzess umgeben – überall stehen Generatoren, Wohnwagen, ein Team mit über 100 Leuten. Und jeder versucht, das Skript so getreu wie möglich umzusetzen. Aber bei Terry läuft das ganz anders ab. Wir hatten kaum Beleuchtungstechnik, Make-up und Kostüme waren nicht wichtig. Die meisten Darsteller waren keine Profis, das Drehbuch konntest du eigentlich gleich wegwerfen – die Jungen, die meine Söhne spielten, bekamen es nicht mal zum Lesen. Und bevor die Kamera lief, versuchte Terry die Leute ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Zum Beispiel indem er ihnen unmittelbar vorher einen Schubs verpasste. Auf diese Weise fand er authentisch-spontane Momente, die das Leben aus seiner Sicht widerspiegelten, nichts Vorgefertigtes. Diese Frische würde ich mir gerne bewahren.
Der fertige Film gibt im Großen und Ganzen die Essenz seiner ursprünglichen Konzeption wieder. Ich habe ihn schon vor zwei Jahren gesehen, da war er vier Stunden lang, danach ging’s auf dreieinhalb und zweidreiviertel Stunden und wieder zurück. Aber letztlich war es immer der gleiche Film. Nur das Ende war vielleicht nicht genau definiert. Ich sehe darin eine Studie über die Vergänglichkeit. Wir versuchen, in religiösen Vorstellungen Trost zu finden und die Welt zu erklären. Aber die wahre Schönheit besteht darin, diese Mysterien als solche zu akzeptieren.“

Sean Penn„Du musst alles einbringen“
Sean Penn über die Ansprüche des Regisseurs

„Terrence Malick hat mich enorm beeinflusst. Er gehört zu den Leuten, wegen denen ich selbst Filme machen wollte. Er steht außerhalb des Systems  und verfolgt ganz unabhängig seine eigenen Träume. Das allein ist sehr viel wert. Er befindet sich auf einer Suche, bei der er die großen Fragen des Lebens stellt. Es ist seltsam, über diesen Film zu sprechen. Denn meine Szenen liegen ja schon drei, vier Jahre zurück – so lange hat die Postproduktion gedauert. Aber die Erfahrung eines Malick-Films lässt sich mit nichts vergleichen, ebenso wenig wie er als Regisseur. Die Bilder sind fast schon übernatürlich schön. Und du brauchst den Willen, deine aktuelle Befindlichkeit, deine Lebenssituation in seinen Film einzubringen, bei ‚The Tree of Life‘ noch mehr als bei ‚The Thin Red Line‘. Und du musst dich auch auf Terry einstellen. Denn beim Dreh tut er sich schwer, auf Dinge zu reagieren, die nicht im Blickwinkel seiner Kamera liegen.“

Jessica Chastian„Die Arbeit ist wie ein Tanz“
Newcomerin Jessica Chastian erinnert sich an den Dreh

„Ich dachte, er wäre einer dieser Künstlertypen, der ganz in Schwarz gekleidet ist, mit Rollkragenpulli, und einer Zigarette in der Hand. Aber das glatte Gegenteil war der Fall. Er trug ein farbenfrohes Hemd, lächelte ständig. Als ich ihn zum Mittagessen traf, stellte er mir viele Fragen zu meiner Person – wie jemand, der sich ehrlich für sein Gegenüber interessiert. Und bei ‚Tree of Life‘ war alles anders als gewohnt – angefangen beim Drehbuch. Ich hoffe, dass es eines Tages veröffentlicht wird, denn es war das schönste Skript, das ich je gelesen habe – seitenweise reine Prosa. Es war wie ein langes Gedicht.
Bei dem Dreh gab es keine Egos, keine Trennungen zwischen den einzelnen Abteilungen. Das lief dann zum Beispiel so ab: Ich komme zum Drehort, unterhalte mich mit Terry, Kameramann Emmanuel ‚Chivo‘ Lubezki, dem Camera Operator Jörg Widmer und dem Schärfenassistenten Eric: ‚Wo sollen wir heute drehen? – Ach, der Garten da drüben sieht hübsch aus, gehen wir dahin.‘ Und während ich meine Sätze spreche – in beliebiger Reihenfolge, entdeckt Chivo ein Eichhörnchen, Jörg und ich gehen darauf zu, während Eric gerade ein Blatt scharfstellt, dann spielt mir Terry eine Dialogzeile zu, ich spreche sie, die Kamera kommt auf mich zurück und geht dann zurück aufs Eichhörnchen. Es ist wie ein Tanz, bei dem alle gleichzeitig atmen. Wir alle haben diese Szene gemeinsam geschaffen.
Ich habe zur Vorbereitung spirituelle Exerzitien gemacht, habe viel meditiert und viel gelesen – unter anderem darüber, wie du innere Freude kultivierst. Ich versuchte, mein Bewegungs- und Sprechtempo zu verlangsamen – Terry hatte mir dafür empfohlen, alte Lauren-Bacall-Filme anzusehen. Und ich verbrachte viel Zeit mit den Jungen, die meine Söhne spielen. Auch außerhalb der Szenen habe ich mich ständig um sie gekümmert. Das war nach drei Monaten Dreh schwer für mich: Sie kehrten zu ihren Müttern zurück und ich hatte keine Kinder mehr.“

Protokolle: Rüdiger Sturm

Lesen Sie hier die Filmkritik: „The Tree of Life“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren