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Bradley Cooper über „American Sniper“

Bradley Cooper

Im ersten Moment meint man, er habe die Frage nicht verstanden, weil Bradley Cooper so verschlafen wirkt an diesem Morgen in New York und sich seine knallrote Wollmütze bis über die Ohren gezogen hat. Doch er ist nur im kräftesparenden Modus dieser Tage, an denen er jeden Abend in einer Produktion von „Der Elefantenmensch“ am Broadway auftritt. Beim tip-Termin kurz vor Weihnachten war freilich noch nicht absehbar, dass sich sein neuer Film „American Sniper“ zum Blockbuster-Monster und umstrittensten US-Drama seit „Zero Dark Thirty“ entwickeln würde.
Clint Eastwood hat Regie geführt bei dieser schmutzigen Heldengeschichte eines Scharfschützen, der im Irakkrieg mit einer Rekordzahl von Tötungen traurigen Ruhm erlangte. Doch ohne Zweifel gehört das Projekt dem Produzenten Cooper, der die Story gefunden, den Autoren beauftragt und sich bis zur Unkenntlichkeit aufgepumpt hat für die Rolle des Navy SEAL Chris Kyle. Was erklären mag, dass er so grotesk abwehrend reagiert, als man Cooper zur politischen Brisanz von „American Sniper“ befragen möchte.
American Sniper„Der Film ist absolut nicht politisch“, sagt Cooper mit unsichtbarem Ausrufezeichen – und argumentiert mit der zwischenmenschlichen Ebene der Geschichte. „Ehrlich gesagt halte ich es für ziemlich wahnsinnig, ‚American Sniper in die Ecke von Kriegspropaganda zu stellen. Der Film könnte doch nicht klarer zeigen, welchen Preis Chris Kyle bezahlt. Er verliert fast seinen Verstand, seine Familie – und unter tragischen Umständen schließlich gar sein Leben. Wir beschönigen nichts und wollen auch niemanden rekrutieren – aber hoffentlich den Soldatenfamilien etwas Heilung verschaffen, die zu Tausenden traumatisiert sind.“ Klingt nobel. Zumal der Plan aufgegangen zu sein scheint: „American Sniper“ ist inzwischen mit über 300 Millionen Dollar Einspiel der erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten vor „Der Soldat James Ryan“.
Doch der sture Blick durch die patriotische Brille und die Zeichnung ausnahmslos aller Nicht-Amerikaner als gefährliche, braunhäutige Brut machen den Film überaus angreifbar. „Wie einen Western mit einem klassischen Duell im Wüstensand zum Schluss“ habe er „American Sniper“ einst gepitcht, erinnert Cooper und ordnet seinen Scharfschützen als modernen Cowboy ein, der eben auch „immer antiamerikanische Reflexe hervorrufen wird“. Eine Einschätzung, die man naiv finden kann, wenn ein Film derart einseitig Position bezieht wie „American Sniper“. Doch vielleicht reagiert Cooper auch deshalb so verschnupft auf Kritik, weil er sich den Höhepunkt seiner Karriere nicht versalzen lassen möchte. Lange genug hat es schließlich gedauert, das elendige Image vom „Hangover“-Sonnyboy und „Sexiest Man ?Alive“ endlich abzuschütteln.
American SniperTraf man Cooper in den letzten Jahren, konnte es richtiggehend nerven, mit welcher Beharrlichkeit er der Sehnsucht nach Höherem Ausdruck verlieh. Schön und gut, dass er in einer Komödie zum Star geworden war, die ihn als klassischen Leading Man empfahl. Doch Cooper wollte mehr. Arrivierte Regisseure wie David O. Russell, die ihn testen in „American Hustle“ oder „Silver Linings“, ohne sich für seine Fotogenität zu interessieren. Stoffe, die er gestalten kann, statt nur geheuert zu werden. Um zum Branchen-Player zu werden, dessen Regiedebüt nur noch eine Frage der Zeit ist.
„Ich weiß, es klingt wie ein Klischee“, erklärt Cooper, „doch ich wollte schauspielern, seit ich denken kann, und habe viele Jahre frustriert zusehen müssen, wie alle tollen Rollen an Kollegen gingen, während ich in Fernsehserien versauerte. Das soll nicht undankbar klingen – doch natürlich nagen die Selbstzweifel, wenn du niemandem zeigen kannst, was du dir insgeheim zutraust.“ Um Hollywoods Komfortzone zu verlassen, traf Cooper nach den „Hangover“-Hits reihenweise riskante Entscheidungen. Vermeintlich sichere Nummern wie ein Remake des Actionfilms „The Crow“ ließ er plötzlich sausen, um sich lieber Locken drehen zu lassen für „American Hustle“. Die Folge sind bereits drei Oscar-Nominierungen binnen drei Jahren für einen Schauspieler, den heute niemand mehr unterschätzt.
American SniperMehr noch als durch die physische Transformation in „American Sniper“ sieht Cooper seine Etappenziele heute durch „Der Elefantenmensch“ bestätigt. Kommenden Sommer wird er die Rolle auch am Londoner West End spielen, nachdem die New Yorker Inszenierung seit Wochen ausverkauft ist. Wie wichtig dieses Engagement für Cooper war, kann er kaum in Worte fassen, weil „Der Elefantenmensch“ so etwas wie sein persönlicher Gral ist. „Ich sah David Lynchs Film, als ich zwölf war, und lag irgendwann nur noch heulend auf dem Sofa, weil mich die profunde Menschlichkeit der Figur so tief rührte, die unter seiner Deformierung steckte.“ Bradley Cooper geht nicht so weit, von persönlicher Identifikation zu sprechen – wohl wissend, dass er mit seinem Gary-Cooper-Profil nie unter Ausgrenzung leiden wird.
Doch man spürt, wie nahe ihm die Rolle eines Mannes geht, der ein Leben lang darum kämpfte, sich wohlfühlen zu dürfen in seiner Haut. Für die Schauspielerseele von Bradley Cooper gilt das offensichtlich auch, die „Hangover“-Häutung ist komplett und die Zukunft nach „American Sniper“ völlig offen. Vielleicht für ein Kino-Remake von „Der Elefantenmensch“? Da lächelt er kurz wissend. Und tut wieder, als hätte er die Frage nicht gehört.

Text: Roland Huschke

Foto: 2014 Village Roadhsow Films (BVI) Limited, Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC / Courtesy of Warner Bros. Pictures

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