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„Brand Upon the Brain!“ im Kino in Berlin

Auf einer entlegenen Insel, in finsterer Natur, steht ein Waisenhaus, betrieben von einer tyrannischen Alten und ihrem Mann, einem durchgedrehten Wissenschaftler, der vor nichts zurückschreckt. Im Ruderboot kommt der Sohn des Hauses an, mit bösen Vorahnungen. Die Figur heißt wie der Regisseur des Films: Guy Maddin nimmt „Brand Upon the Brain!“ persönlich, er beschreibt darin eine Erinnerungsreise zurück in die eigene verdrängte Kindheit. Tatsächlich sei der Film extrem autobiografisch, hat Maddin ganz im Ernst, verkündet – und ein wüstes vampiristisches Schauermärchen vorgelegt. Für Maddin ist das entfesselte Phantasieleben eben Teil der Kindheit.
„Brand Upon the Brain!“ ist als spätexpressionistischer Stummfilm und als gewaltiger Assoziationsstrom konzipiert; in sei-
nen flackernden Super-8-Schwarzweißbildern ziehen sich die Irisblenden um die Köpfe der Darsteller wie Schlingen zu, und die Zwischentitel knallen einem ihre Gefühlsbotschaften gnadenlos um die Ohren. Aber Maddin ist kein Kinonostalgiker: Den gefährlich beschleunigten Puls seiner Montage hätten sich Feuillade und Murnau im Leben nicht zugetraut.
Ganz neu ist dieser Film nicht mehr, in der Werkliste seines Schöpfers ist er bereits Geschichte: Seit der Festivalpremiere von „Brand Upon the Brain!“ vor gut drei Jahren hat Guy Maddin, heute 53, nicht weniger als sechs Kurzfilme und die große Dokumentar-Fantasie „My Winnipeg“ gedreht. Bei der Berlinale 2007 lief „Brand Upon the Brain!“ auch in einer alternativen Version – als Live-Kino-Ereignis mit Bühnenerzählerin Isabella Rossellini, Geräuschemachern, Gesang und Orchesterbegleitung. Er selbst halte „Brand Upon the Brain!“ für seinen besten Film, sagt Maddin – und fügt zur Sicherheit gleich an, dass er das nicht von jedem Film behaupte („Einige davon würde ich am liebsten unter meinem Bett verstecken“). Es falle ihm gar nicht leicht, seine eigenen Filme zu sehen: Die Tour etwa, die er mit einer kleinen Maddin-Werkschau vor ein paar Jahren in Deutschland absolvierte, habe ihn echt gequält: „Ich wünschte, das wäre eine posthume Retrospektive gewesen“.
„Brand Upon the Brain!“ ist hinreißend – aber zugleich läuft Maddin akut Gefahr, die Dinge so sehr over the top zu inszenieren, dass irgendwann auch die wildeste Idee nicht mehr verblüfft. Wo alles aus den Fugen ist, wird der Irrsinn schnell zur Norm. Doch solche Einwände verblassen angesichts des ungeheuren Eigensinns, mit dem Guy Maddin sein seit 1986 stetig wachsendes filmisches Werk ausstattet. Er verbringe viel Zeit allein, gehe Tagträumereien nach, erzählt er. Oft investiere er zwischendurch einfach sein Privatgeld in vier- oder fünfminütige Filme, um sich sinnvoll zu beschäftigen.
Er habe mit seiner Vergangenheit manchmal hart zu kämpfen, stellt Maddin fest, das verbinde ihn übrigens mit Isabella Rossellini, mit der er seit 2003 regelmäßig arbeitet. „Sie ist dieses elegante weltgewandte Supermodel, zugleich aber auch ein kleines Mädchen, das noch an Gespenster glaubt und offene Rechnungen mit ihrem Vater hat. Isabella ist selbst so etwas wie eine Zeitmaschine: Manchmal, wenn man sie gerade filmt, bewegt sie den Kopf einen Millimeter nach links und verwandelt sich in Ingrid Bergman! Und plötzlich brechen einem sechs Dekaden unter den Füßen weg! Man spürt, wie Cary Grant gleich neben der Kamera auf seinen Auftritt wartet und wie Alfred Hitchcock am Catering-Tisch ein Burrito zu sich nimmt.“
Guy Maddins Filmliebhaberei ist indes aufs Wesentliche konzentriert: „Es geht immer um Erotizismus, Rache, Vergebung, um Gut und Böse. Das sind uralte Erzählmuster, die sich schon in der Höhlenmalerei, im Alten Testament, in Altargemälden und im frühen Kino finden. Daraus sind heute die Game- und Reality-Shows geworden. Darüber reden Isabella und ich oft, und manchmal regt uns das so auf, dass wir einander umarmen müssen, bis wir eingeschlafen sind und sich unsere rasenden Herzen wieder beruhigt haben.“

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Brand Upon the Brain!“ im Kino in Berlin

Brand Upon the Brain!, Kanada/USA 2006; Regie: Guy Maddin; Darsteller: Gretchen Krich (Mutter), Sullivan Brown (Guy Maddin, jung), Maya Lawson (Schwester); Schwarzweiß, 95 Minuten

Kinostart: 17. Dezember 2009

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