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„Brownian Movement“ im Kino

Brownian Movement

Man nehme eine junge Ärztin, stelle ihr einen attraktiven Architekten-Gatten zur Seite und kröne das Glück mit einem kleinen aufgeweckten Jungen. Die junge Familie arbeitet in Brüssel, hat ausgesorgt. Trotzdem fehlt etwas. Also mietet sich die Ärztin eine Zweitwohnung für bizarre kurzlebige Affären. Die Lustobjekte sind alt, fett, haarig, fleckig, Zufallsbekanntschaften aus ihrem Forschungslabor. Als einer ihrer Liebhaber sie bei einem Besuch auf der Baustelle ihres Mannes erkennt, zerschlägt sie ihm entsetzt die Nase und verliert daraufhin Arbeit und Approbation, beinahe die Ehe. Soviel zum Szenario, das die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold in „Brownian Movement“ als eigenwillig spröden Dreiakter präsentiert.
Den Filmtitel hat Leopold aus der Naturwissenschaft entliehen: Die Brownsche Molekularbewegung beschäftigt sich mit zufälligen Bewegungsmustern von Teilchen in Flüssigkeiten oder Gas. Nun sind Menschen – auch wenn man sie noch so abstrakt betrachtet – keine Teilchen, haben eigenen Willen und Beweggründe für ihr Tun. Doch Ärztin Charlotte – großartig gespielt von Sandra Hüller – will darüber nicht reden. Nicht mit ihrer Therapeutin, noch weniger mit ihrem Mann. Folglich hält Leopolds Filmstudie keine scharfsinnigen Dialoge bereit, ködert bestenfalls mit nichtssagenden Halbsätzen, die sich in der Leere der um einiges aufwendiger inszenierten Räumlichkeiten verlaufen: Rohbauten, sterile Labore, aufgeräumte Wohnungen. Sie sind Blaupausen für Lebensmodelle, die zu den jungen emotionsarmen Protagonisten in „Brownian Movement“ nicht passen.
Die Logik der Psyche ist für Nanouk Leopold ein vermintes Gelände. Sie will es betrachten, aber nicht betreten. Davon berichten ihre statischen Bilder. Sie zeigen selten alles, was um Charlotte herum passiert, sondern fokussieren fasziniert das zweifellos bemerkenswerte Mienenspiel der jungen Frau, die sich in sich selbst verlaufen hat. Leider verliert das rasch seinen Reiz, wie vieles, was vielleicht einmal schlüssig konzipiert erschien. Erst recht, da Paarungsverhalten und ähnlich Diffuses nun einmal in archaischeren Dimensionen nisten als jedes oberflächliche Verständnis für die Welt.

Text: Cristina Moles Kaupp

Foto: Filmlichter

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Brownian Movement“ im Kino in Berlin

Brownian Movement, Niederlande/Belgien/Deutschland 2010; Regie: Nanouk Leopold; Darsteller: Sandra Hüller (Charlotte), Dragan Bakema (Max), Sabine Timoteo (Psychiaterin); 101 Minuten; FSK 16

Kinostart: 30. Juni

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