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Buch und Film über das musikalische Berlin der 80er Jahre

Alexander Scheer als Blixa Bargeld

Oskar Roehler blickt aus dem Fenster seiner Wohnung über den Dächern der Prenzlauer Allee. Idyllisch wirkt es hier oben, die Oktobersonne strahlt, in den Hinterhöfen leuchten herbstfarbene Bäume. Eigentlich mag er Berlin gar nicht mehr, erzählt der Filmemacher, der einen Teil des Jahres mit seiner Frau, der Modedesignerin Alexandra Fischer-Roehler, auf Mallorca verbringt. Zu unverschämt seien ihm die Leute, auch fehlt ihm hier der Sinn für Schönheit, den er von anderen Metropolen und ihren Bewohnern kennt.
Es gab Zeiten, da war Roehlers Beziehung zu Berlin leidenschaftlicher. 1981 war er nach West-Berlin geflüchtet, „irgendwo aus Wessiland“, wie er lapidar sagt und damit eine bewegte Kindheit zusammenfasst, die von etlichen Umzügen geprägt war. Zeiten, in denen Roehler wenig von seinen exzentrischen Eltern mitbekam, den Künstlern Gisela Elsner und Klaus Roehler. Zeiten auch, die ihm immer wieder Stoff für Filme und Bücher lieferten, etwa „Die Unberührbare“ aus dem Jahr 2000.
Oskar Roehler„West-Berlin war ja eine künstliche Welt, das war keine Stadt, die mit irgendeiner Realität zu tun hatte“, erinnert sich Roehler an seine Ankunft mit Anfang 20. „Die Realität war eine Stadt, die ihre Wunden und Schründe offengelegt hat. Sie sah exotisch aus mit ihren verfallenen Plätzen und es herrschte Anarchie.“ Das sei für bestimmte Leute extrem anziehend gewesen, „für Leute, die so waren wie ich und die dachten, sie würden vom Durchschnittsbürger in Westdeutschland nicht verstanden“. In Berlin dagegen traf der gebürtige Starnberger auf „Gestalten mit großer theatralischer Begabung, Blixa Bargeld zum Beispiel. Das waren Leute, die sich selbst erfunden hatten, die charismatisch und bizarr waren und dabei gleichzeitig politisch gebildet. Oft waren es Frontleute, die auch Texte geschrieben haben, neben Blixa Bargeld etwa auch Christoph Dreher von Die Haut.“ Zum natürlichen Anziehungspunkt wurde für Roehler, damals noch ein unbekannter Drehbuchschreiber, die Bar Risiko: ein Biotop für Underground-Stars, durchreisende Punkgrößen, Akteure der Schwulenbewegung. „Das alles hat sich im Risiko vermischt. Erst später wurde mir klar, wie sehr mich dieses Punkertum und das Anarchische geprägt hat.“
Oskar RoehlerWest-Berlins 80er-Underground hat Roehler nun ein filmisches Denkmal gesetzt. „Tod den Hippies, es lebe der Punk“ heißt der Film, an dem derzeit nur noch am Ton gefeilt wird und der 2015 in die Kinos kommt. Es ist eine Art Fortführung des autobiografisch gefärbten Vorgängers von 2013, „Quellen des Lebens“. In der teils farbig, teils schwarz-weiß gedrehten Punk-Hommage verkörpert Tom Schilling das junge Alter Ego des Filmemachers. Roehler gestattet schon mal einen Blick ins Rohmaterial. Mit der Fernbedienung in der Hand nimmt er Platz auf einem leicht abgegriffenen Sechzigerjahre-Ledersofa, einem Erbstück seiner Mutter Gisela Elsner. Ausgesucht hat der Filmemacher jene Szene, in der Schilling mit Kompagnon Wilson Gonzalez Ochsenknecht erstmals den Heiligen Gral der West-Berliner Subkultur betritt. „Risiko“ steht in zackigen Lettern über der Tür in der Schöneberger Yorckstraße. Neongelb leuchtet die Szenerie, grimmig dreinblickende Einzelgänger verlieren sich an der Theke, Tom Schilling erinnert mit seinem staunenden Blick ein wenig an den Tagträumer, den er in „Oh Boy“ spielte. Die Szenerie wirkt absurd-erstarrt, bis endlich Alexander Scheer auftaucht: als schön kantig-ungesunder Sänger und Barmann Blixa Bargeld.
Roehler musste für die Szene nicht eigens recherchieren, sondern schöpfte aus eigener Erinnerung – soweit vorhanden, denn wie heißt es so schön über die Ära: „Wer sich erinnern kann, war nicht dabei.“ Unter den schrillen Figuren der Nacht war Bargeld das Idol unter lauter Exzentrikern und dem Kreis der Genialen Dilletanten. Scheers Schreigesang des Schlüsselsongs „Sehnsucht“ erinnert verblüffend an das Vorbild, und Tom Schilling vermischt in seiner Mimik famos flackernde Rebellion und Selbstironie. „Ich hab schon aufgeblickt zu diesen tollen Typen“, erinnert sich der Regisseur, „ich war wohl ein echtes Groupie.“
Oskar RoehlerOhne Humor mag sich der Filmemacher der eigenen Initiationszeit nicht annähern. „Ich will die Achtziger nicht heroisieren. Es war auch eine dämonische Zeit, viele waren in Berlin wie gefallene Engel unterwegs und auf Selbstzerstörung programmiert.“ Ihm selbst sei es nicht gut gegangen: „Ich wusste noch nicht wohin mit meinen ganzen Sachen.“ Eine jahrelange Berlin-Depression habe er gehabt, ständig geplagt von Selbstzweifeln. „Ich verspüre daher auch keine Wehmut nach alten Zeiten“, sagt er, „das geht vielleicht eher denen so, deren Stern damals mit 20 am hellsten leuchtete.“
Für Roehler sollte die Zeit der Produktivität erst danach anbrechen, in den Neunzigern, als ihm sein späterer Förderer Christoph Schlingensief über den Weg lief und seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur Fahrt aufnahm. „Man kann sagen, mit der Maueröffnung ging bei mir der Vorhang auf, und bei den anderen ging er zu.“ Nicht nur einen Film hat Roehler über die ambivalente Ära gedreht, sondern auch einen Roman darüber geschrieben, der im März erscheint, Titel: „Mein Leben als Affenarsch“. Nach Heroisierung klingt das nicht gerade, eher nach einem Rückblick mit einigem Kopfschütteln. Wir dürfen gespannt sein.

Oskar Roehler, 55, wurde 1959 in Starnberg geboren, lebt jedoch bereits seit Anfang der 1980er-Jahre in Berlin. Seit Mitte der 1990er ist Roehler als Filmregisseur bekannt, 2000 erhielt er den Deutschen Filmpreis in Gold für „Die Unberührbare“, auch „Elementarteilchen“ (2006) und „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010) waren viel beachtet.

Text: Ulrike Rechel

Szenenfoto (oben): Nik Konietzny / X-Verleih

Fotos Oskar Roehler: Andreas Schoettke

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