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„Buddenbrooks“ im Kino in Berlin

BuddenbrooksEs gibt Romane, die müssen verfilmt werden – das endet nicht selten im Desaster. Ein Film erzählt seine Geschichte ganz anders als ein Roman, was kein Buch besser beweist als „Buddenbrooks“. Wie passen die gravitätische Langsamkeit, mit der Thomas Mann das Siechtum einer Lübecker Kaufmannssippe auf über 758 Taschenbuchseiten entfaltet, ins Kino des Jahres 2008? Was passiert mit der maliziösen Sprache, mit der dertailverliebten Beschreibung und der Heerschar an Figuren?
Heinrich Breloer und sein Koautor Horst Königstein, einschlägig erfahren seit dem TV-Projekt „Die Manns“, haben den Roman abgespeckt auf die Essenz. Vom Ge­nerationswechsel in einer Kauf­mannsdynastie bleibt eine Geschichte, in der es um Au­torität und Unterordnung geht, um Hybris und Heuchelei, um Pflicht­erfüllung und Hedonismus, Geld und Kunst, um Leben und Tod. Das ist ein großer Kinostoff, einer, der Bilder braucht, wie sie Luchino Visconti in seiner Lampedusa-Verfilmung „Der Leopard“ fand.
So ein Vergleich ist ungerecht, doch er drängt sich in den ersten Filmminuten unweigerlich auf: Die Buddenbrooks haben eingeladen, und alle sind gekommen. Es wird getanzt und die schöne Tochter vorgeführt, denn Tony (Jessica Schwarz) soll verheiratet werden. Der alte Konsul (Armin Mueller-Stahl) ist auf der Höhe seiner Macht. Er denkt noch nicht ans Abdanken, doch bei diesem Fest kann er mit dem Blick auf seine Kinder sehen, dass es nicht mehr lange dauern wird. Doch wie diese Szene aufgelöst wird und wie Kameramann Gernot Roll sie filmt, bildet sich davon keine Vorstellung.
Es entsteht kein Raum, sondern ein Konglomerat von Bildern. Die hibbelige Kamera ist immer in Bewegung, schwingt sich mit dem Kran hoch und sinkt wieder hinab, immer auf der Suche nach einem der Protagonisten. Sie will alles zeigen und sieht nichts. Die Montage unterstützt die Desorien­tierung: Die von den jungen Männern angehimmelte Tony tanzt, und wie die Kamera die Tänzer umfährt, steigert sich ihre Ausgelassenheit in Übermut, als sie schließlich nur noch mit der Kamera tanzt und das Publikum so in die Subjektive gezwungen wird. Doch Zwischenschnitte auf die Zuschauer der Tänzer zerstören die sich aufbauende Dynamik, bis nur noch ein Tanzabend in aufwendiger Kostümierung in Erinnerung bleibt.Buddenbrooks
Die Mutlosigkeit im Visuellen steht im krassen Widerspruch zur Konsequenz, mit der das Drehbuch den Mann-Klassiker als modernen, hochaktuellen Kinostoff interpretiert. Während bei Vis­con­ti alles auf den großen Ball hinläuft, mit dessen Ende sich auch die alte Zeit verabschieden wird, fängt Breloer mit der ausladenden Ballszene an. Das Alte wird am nächsten Morgen noch lange nicht Vergangenheit sein, das Finale hat aber schon begonnen. Von diesem langen Abschied handelt der Film, und er erzählt die Geschichte erstaunlich konkret. Denn nicht die kunstsinnige Blässe und das glück­lose Agieren der Erben bringt die Kaufmannsdynastie zum Einsturz, sie unterstützen nur den Niedergang, den die dramatischen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen auslösen.
Im Gespräch schildert Heinrich Breloer, wie mit dem Wegfall der Ländergrenzen nach der deutschen Reichsgründung 1871 sich der Markt öffnete und sich mit der Gründung von Aktiengesellschaften Industriekonzerne bildeten und die Industrialisierung rasant voranschritt, was die Geschäftsgrundlage von Handelshäusern grundsätzlich veränderte. Der Herzschlag des Kapitalismus beschleunigte sich, oder wie im Film der Amsterdamer Kaufmann (Cas Enklaar) dem Lübecker Thomas Buddenbrook (Mark Waschke) rät: „Das Geld will sich vermehren, geben sie ihm Raum und Gelegenheit.“ Den Satz hat Breloer dem Original hinzugefügt. Es geht ihm um Globalisierung, um die Macht der Märkte und um Moral. Doch der rührend altmodische Appell der Buddenbrooks, „Mein Sohn, sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können“, verfängt bei Thomas nicht. Er setzt alles auf eine Karte und versenkt in einem Anflug von Wall-Street-haftem Ca­sino-Kapitalis­mus das Erbe.

BuddenbrooksDiese hochaktuelle und überzeugend entwickelte Interpretation des Romans verfolgt das Drehbuch mit aller Konsequenz. Die Fülle der Nebenstränge wird zusammengestrichen und die Viel­zahl ihrer Protagonisten zu einer Art Chor zusammengefasst, der sich bei den jeweiligen Anlässen zusammenfindet, um das Geschehen aus Sicht der Kleinstadtbourgeoisie zu kommentieren. Vor dieser Kulisse agieren die Buddenbrooks, vor ihr werden sie untergehen. Am Ende hält sich die Melancholie in Grenzen, weil sich das Gesellschaftsmodell, für das die Buddenbrooks standen, überlebt hat. Allein die Kaufmanns­tugenden des alten Konsuls werden bleiben – als ein angenehm diffuses moralisches Credo.
Literaturfilmbehäbigkeit fehlt Breloers 16 Millionen Euro teurem Film auch dank wunderbarer Schauspieler wie Jessica Schwarz, Mark Waschke, Sunnyi Melles oder Alexander Fehling. Doch die visuelle Umsetzung bleibt weit hinter den Möglichkeiten, die Drehbuch und Darsteller bieten, zurück. Da bleibt der Film in einer Ästhetik stecken, der man die Wei­terverwertung als TV-Mehrteiler anzusehen glaubt.

Text:Nicolaus Schröder

Tip-Bewertung: Zwiespältig


Buddenbrooks
– Ein Geschäft von einiger Größe, Deutschland 2008; Regie: Heinrich Breloer; Darsteller: Mark Waschke (Thomas
Buddenbrook), Jessica Schwarz (Tony Buddenbrook), Armin Mueller-Stahl (Konsul Jean Buddenbrook), August Diel (Christian Buddenbrook), Iris Berben (Konsulin Bethsy Buddenbrook); Farbe, 152 Minuten

Kinostart: 25. Dezember 2008

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