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„Bullhead“ im Kino

Bullhead

Freundesverrat, Verlust der Manneskraft, Blutrache, kurzum: Große Themen, aus denen so manche Tragödie griechischen Ausmaßes gestrickt ist, treffen in „Bullhead“ auf ganz banale Rindviecher. Es ist eine Gratwanderung, vor der man gerne den nicht vorhandenen Hut ziehen möchte. Schon in den ersten Bildern von Michael R. Roskams Regiedebüt „Bullhead“ ist zu spüren, dass hinter dem Krimi-Plot um hormonbehandelte Kühe, einen ermordeten Polizisten und Autos mit Einschusslöchern eine andere, abgründige Geschichte lauert. Und auch die eigentlich eintönige belgische Landschaft entwickelt hier eine eigentümliche Tiefenwirkung. Sie wird verstärkt durch die – Pardon, man kann es nicht anders sagen – wunderbaren Fressen, die Roskam für seine hoch- und halb­kriminellen Figuren gecastet hat.
Nach und nach zentriert sich die zunächst zerfasert wirkende Handlung um den flandrischen Rinderzüchter Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoen­aerts). Und nach und nach lüftet sich das Geheimnis dieses jungen Mannes, der sich selbst und seinen Rindern dieselben Hormone spritzt. Ganz allmählich findet man auch heraus, was Jacky und den als Polizeispitzel arbeitenden Diederik verbindet. Bei zwielichtigen Geschäften treffen sich die beiden Kindheitsfreunde nach Jahrzehnten wieder. Nicht nur bei diesem Mittagessen, das im abgelegenen Trakt eines leeren Stadions stattfindet, beweist Roskam seinen sicheren Sinn für Schauplätze von glamouröser Randständigkeit. Eine heruntergekommene Autowerkstatt, verwitterte Bistros und ein fast archaisch anmutender einsamer Bauernhof gehören zu den Orten, die von seiner Kamera aufgeladen werden. Zwar ließe sich diesem Regiedebüt der eine oder andere Handlungsstrang zu viel attestieren, dennoch wird man immer wieder von Jackys angeschlagener Physis in den Bann geschlagen. Seine schief gehauene Nase, sein hochgetunter Körper, der seltsame Gang verweisen auf ein Schicksal, das – so viel ist zu ahnen – noch eine Explosion in sich trägt. Und eines ist klar: Die Fäuste, die beim Schattenboxen noch ins Leere gehen, werden irgendwann ein Ziel finden.

Text: Anke Leweke

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Bullhead“ im Kino in Berlin

Bullhead, Belgien/Niederlande 2011; Regie: Michael R. Roskam; Darsteller: Matthias Schoenaerts (Jacky Vanmarsenille), Jeroen Perceval (Diederik Maes), Jeanne Dandoy (Lucia Schepers); 129 Minuten; FSK 16

Kinostart: 24. November

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