Coming of Age

„Call Me By Your Name“ im Kino

Gefühlte Gravitation: „Call Me By Your Name“ ist die beste Liebesgeschichte zweier Männer seit „Moonlight“. Das vierfach für den ­Oscar nominierte Drama findet die perfekten Bilder und Worte für das Zögern vor dem Glück

Sony Pictures

Das Wort in diesem Film, das einem eher ­früher als später auffallen muss: ­„Später“ –  die ungeniert unzählige Male wiederholte Wendung des 24-jährigen Oliver, mit der er sich immer wieder aus der Affäre zieht und die Menschen um ihn herum auf die nahe Zukunft vertröstet. Im Sommer 1983 ist der Promotionsstudent aus den USA zu Gast bei der Familie des Professors Perlman in der toskanischen Idylle. Er assistiert ihm bei dessen Forschung zu antiken Skulpturen – und bezaubert alle mit seiner Coolness bei den ausgiebig und einladend in ­Szene gesetzten trilingualen Tischgesprächen seiner Gastfamilie im sonnendurch­fluteten Garten voller Früchte, die im Lauf des Filmes reifen werden.

Doch einer sperrt sich dagegen, scheinbar zumindest: Elio, 17, Sohn des Professors, der oberkörperfrei in seinen bordeauxfarbenen Boxershorts tagtraumtrunken durchs ­Shabby-Chic-Landhaus wandelt. Booknerd Elio ist passionierter Pianist mit Vorliebe für den jungen Bach – und bietet Oliver, wann immer es geht, verbal Paroli.

Wie die beiden, Elio und Oliver, einander umkreisen, ist spannungsvoll fotografiert: ­Lange wagen sie nicht einmal, einander in die Augen zu blicken; selbst wenn sie Worte tauschen, und es sind gar nicht so wenige, sind ihre Blickachsen immer aneinander vorbei verschoben. Kaum Augenkontakt. Sonnenbrillen. Doch gefühlte Gravitation. Und es geschehen auch Gesten, die Nähe suchen. Es sind aber stets solche, die sich dagegen verwehren, eindeutig verstanden zu werden. Mal knetet Oliver Elio kurz den Schultermuskel, nachdem der sich beim Beach-Volleyball selbigen gezerrt hat. Solcherlei große Kleinigkeiten. Andererseits flirten beide auch eine Spur zu offensichtlich mit den Mädchen. Elio schläft mit einem, das sich in ihn verliebt. Oliver schläft in Elios Bett, das dieser für ihn räumen musste. Doch die beiden sind Tür an Tür, und trauen spät, vielleicht zu spät, dann doch ihrem Verliebtsein – und überwinden den Restsommer lang die Angst, dass der ­jeweils andere ein solches Sichschwach­machen gegen ihn verwenden würde. Sie ­nennen einander, wie es der Titel meint, beim jeweils eigenen Namen, nicht dem des Gegenübers. Zeichen nicht etwa des Narzissmus, sondern intensivster Nähe.

„Call Me By Your Name“ basiert auf dem subtilen, aber auch sexgefüllten Roman des offen heterosexuellen Autors André ­Aciman von 2007. James Ivory, 89, Meister für homoerotische Stoffe („Maurice“), hat das oscar­nominierte Drehbuch ohne gravierende Eingriffe in die Handlung geschrieben. Regisseur Luca Guadagnino („A Bigger Splash“) macht hier im besten Sinne langsam erzählten Arthouse für ein großes Publikum.

Das größte Lob gebührt aber dem als Besten Hauptdarsteller oscarnominierten Timothée Chalamet als Elio, der unfassbar viele Nuancen zwischen Tristesse und Begehren nicht bloß astrein englisch, französisch und italienisch und mit feinsinnigsten Gesichtsregungen zum Ausdruck bringt, sondern mit dem Körper bis in die Fußspitzen hinein spielt: Wie er sich verschämt bis lüstern, löwenhaft-ästhetisch aufbäumt, wenn er heimlich mit dem Kopf in Olivers Unterwäsche eintaucht, das ist kein bisschen porno, sondern ganz großes Kino. Chalamet kann sogar ersatzweise Liebe mit einem Pfirsich (!) machen, ohne dass es lächerlich wirken würde. Denn aufrichtig verliebte Menschen sind niemals lächerlich, höchstens für Zyniker – und für die hat der Film, ein Glück, keinen Platz. Es ist dies kein Drama übers Schwulsein, sondern universell darüber, Nähe zuzulassen – und doch verschont er uns nicht davor, zu sehen, wie grausam soziale Kräfte ins Privateste hinein drängen gegen Männer, die sich lieben.

Call me By your Name USA 2017, 132 Min., R: Luca Guadagnino, D: Timothée Chalamet, Armie Hammer, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel, Start: 1.3.

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