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„Can Go Through Skin“ im Kino

Marieke ist von ihrem Freund verlassen worden, sie ruft alte, längst vergessene Bekannte an, sie trinkt und lässt sich gehen, sie bestellt Pizza – und der Piz­za­bote nutzt eine offen gelassene Tür, um sie später in ihrer Badewanne zu überfallen. In ihrem Leben ist danach nichts mehr wie vorher. Sie flieht aus Ams­terdam, kauft sich ein heruntergekommenes Haus in Zeeland und zieht dort ein. Es ist Winter, und Marieke campiert zwischen bröckelndem Putz, zugestaubten Schränken und kalten, kaputten Steinfliesen, während sie unfachmännisch zu renovieren beginnt.
Nach den ersten schnellen und dramatischen Eingangssequenzen verlangsamt sich der Film. Die Kamera folgt Marieke auf ihrem Weg durch ihre persönliche Hölle, meist ganz nah an ihrem Gesicht und an ihrer Haut, und zeigt ihre Verzweiflung und ihre Verlorenheit. Man sieht, wie sie sich abkapselt, wie sie selbst den banalsten Kontakt zu Leuten kaum aushält, wie die Furcht sie immer wieder überfällt, wie sie sich verkriecht. Den Prozess gegen ihren Angreifer, in dem dieser sichtlich gut davonkommt, hält Marieke kaum aus; zurück in ihrer kalten und einsamen Bleibe steigert sie sich in Rachefantasien hinein, die immer grau­samer werden. Übers Internet nimmt sie mit der Zeit zögernd Kontakt zu anderen Opfern auf; und einen freundlichen Nachbarn lässt sie schließlich ein biss­chen in ihr Leben, er hilft ihr bei den Arbeiten am Haus. Ir­gendwann wird es Frühling, aber ob Mariekes Leben jemals wieder gut wird, bleibt bis zuletzt offen.
Das Spielfilmdebüt der jungen Niederländerin Esther Rots wurde im Forum der letztjährigen Berlinale gezeigt und ist, trotz seines sperrigen Themas und seiner ganz kompromisslosen Ästhetik der Langsamkeit, ein sehr eindrückliches Stück Kino. Eine ungeheuer präzise Studie über Einsamkeit und Verlorenheit und über den psychischen Mechanismus der Verdrängung, die tatsächlich unter die Haut geht und nach dem Sehen noch lange nachklingt.

Text: Catherine Newmark

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Can Go Through Skin“ im Kino in Berlin

Can Go Through Skin (Kan door huid heen), Niederlande 2009; Regie: Esther Rots; Darsteller: Rifka Lodeizen (Marieke), Wim Opbrouck (John), Chris Borowski (Pizzabote); 97 Minuten

Kinostart: 28. Januar

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