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Cannes 2011 – ein Rückblick

tree_of_lifeJeder Film bringt seine Theorie selbst mit: Im Schlusskapitel von Lars von Triers „Melancholia“ blickt Kirsten Dunst fassungslos auf den neuen Planeten am Himmel, der sich eben noch glücklicherweise an der Erde vorbeizubewegen schien, haarscharf an der Apokalypse vorbei. Aber „Melancholia“ hat in einer hinterlistigen Bewegung kehrtgemacht, um sie doch noch zu zermalmen. Lars von Trier auf seinem Weg durch das Publicity-Universum von Cannes zuzusehen, erinnert in vielem an die Choreografie dieser Szene, nicht nur, weil sein ganzer Film im Grunde allein seine Seelenlandschaft abbildet, samt der Lust an der Selbstzerstörung, die ihn in seinen jahrzehntelangen Depressionsphasen verfolgt hat. Als er bei der offiziellen Pressekonferenz zu „Melancholia“ nach einer Serie milder Provokationen auf seine komplizierte dänisch-jüdisch-deutsche Familiengeschichte angesprochen wurde, machte sich auch sein ganz privater Katastrophen-Planet auf den Weg zurück. Den Skandal, den seine idiotischen Witze zu den spät entdeckten deutschen Familienbezügen („Okay, I’m a Nazi“) und Hitler auslösen könnten, hatte der dänische Regisseur diesmal wohl falsch eingeschätzt. Seine Entschuldigung kam zu spät für die Festivalleitung, die ihn in einem in der Geschichte von Cannes beispiellosen Akt zur Persona non grata erklärte – als ob nicht schon die versammelte Weltöffentlichkeit von Triers Einlassungen angemessen einordnen könnte.

Die Paradoxien dieser Entscheidung sind beträchtlich, zumal am selben Tag verkündet, an dem „In Film Nist/This Is Not a Film“ von Jafar Panahi und Mojtaba Mirtahmas Premiere hatte. Panahi, der für sein regimekritisches Engagement im Iran in erster Instanz zu einer sechsjährigen Haftstrafe und einem zwanzigjährigen Arbeitsverbot verurteilt wurde, zeichnet darin einen Tag in seiner Wohnung auf. Während er in diesem Mikrokosmos mit iPhone und Sony-Digicam gegen das Berufsverbot anfilmt, entfaltet sich ein reiches, selbst­referenzielles Bild seiner bedrohlichen Lage, das mit feurigen Szenen des iranischen Neujahrsfestes endet. Sie sehen aus wie die Vorboten kommender Straßenschlachten.

Bei der Feier des Autorenkinos, die Cannes unternimmt, muss man auf alles gefasst sein und wird doch immer überrascht. Zum frühen Kritikerliebling wurde ausgerechnet „The Artist“ vom französischen Komödienregisseur Michel Hazanavicius, ein charmanter, inhaltlich leichtgewichtiger Stummfilm im Fake-Stil der Zwanzigerjahre, der von der Krise eines Stummfilmstars erzählt, den die Tonfilmrevolution überrollt. „The Artist“ wirkte wie ein Echo auf den Eröffnungsfilm „Midnight in Paris“, der seinem Helden eine Zeitreise zurück in die Boheme-Welt der Zwanzigerjahre schenkt, unverkennbar ein Woody-Allen-Werk, das für seinen Helden Ernüchterung und surrealen Wahnsinn bereithält.

La_Piel_Que_HabitoDer „Signature style“, die unverwechselbare, aber unter Umständen auch festgefahrene Handschrift, ist das, was auf Festivals neben dem immer Neuen als Marke etabliert und gehandelt wird. Allen hat sich darin vor Jahrzehnten eingerichtet und doch ein erstaunlich reiches Werk in vielen Tonarten hervorgebracht. Andere erstarren leichter – wie Nanni Moretti mit seiner milden Papst-Komödie „Habemus Papam“ oder Pedro Almodovar, der in „La piel que habito“ eine absurde Rachegeschichte mit einigermaßen überkonstruierten Figuren entwickelt. Sehr wiedererkennbar predigen auch die Brüder Dardenne in „Le gamin au vйlo“ (The Kid with a Bike) ihre Religion. Sie inszenieren die Geschichte eines hochenergetischen Pflegekindes mit handwerklicher Meisterschaft, aber doch sieht es immer wieder so aus, als wäre ihr Film bloß noch abgeleitet aus dem nun schon seit 15 Jahren feststehenden Theoriegebäude, das den Figuren immer weniger Entscheidungsräume offenlässt.

Auf den ersten Blick könnte man das auch Aki Kausrimäkis „Le Havre“ unterstellen, so unverkennbar bewegt man sich hier in seinem ästhetischen Universum. Selbst die Hauptfigur, gespielt von Andrй Wilms, wanderte schon 1992 durch „La vie de bohиme“. Aber in keinem Moment wüsste man hier vorab, wohin sich das Drama wendet, so großartig kombiniert Kaurismäki Witz und Ernst in seiner Geschichte um einen Schuhputzer, der sich eines afrikanischen Flüchtlingskindes annimmt und dabei große Fragen berührt: Welches Gesetz sollen wir uns geben, und was gilt das Gesetz im Angesicht der Liebe zu den Anderen?
Keiner verhandelte das in Cannes in einem weiteren Rahmen als „The Tree of Life“. Der notorisch öffentlichkeitsscheue Terrence Malick hat dieses Projekt schon vor Jahrzehnten begonnen. Die Geschichte der Schöpfung sollte es umfassen, vom Urknall bis in die Gegenwart einer Familie in den 1950er-Jahren, was mindestens da Parallelen zu Malicks eigener Biografie nahelegte – aber vielleicht hält er sich inzwischen auch für Gott. „The Tree of Life“ ist tatsächlich so monumental geworden, wie es die Skizzen versprachen, überraschend im formalen Horizont, der nicht nur in seinem Jahrmilliarden umfassenden Rahmen an Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ denken lässt, aber auch in der Direktheit, mit der Malick die christliche Heilsgeschichte in ein gewöhnliches Familienuniversum übersetzt – und jederzeit auch wieder zurück.

Kleiner im Format, aber unerhört berührend, ist Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ (in der Reihe Un certain regard). Auch er widmet sich den letzten Fragen in seiner Geschichte eines Mannes, der mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wird, die ihm nur noch wenige Monate zu leben gibt. Sein großartiges Schauspielerensemble hat Dresen mit tatsächlichen Pflegern, Ärztinnen und Ärzten ergänzt, die ihre professionellen Rollen im Film weiterspielen. „Halt auf freier Strecke“ folgt dem Alltag der Familie mit der Krankheit, Depression, Brüllen und Kotzen, aber auch einer utopischen Anstrengung, die das Sterben zurück aus dem Hospiz in die Familie holt, wo es das wird, was man so gerne nicht wahrhaben will: Teil des Lebens.

Text: Robert Weixlbaumer

Die Preisträger von Cannes finden Sie hier.

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