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Cannes 2011

halt_auf_freier_streckeAm Ende fehlte einer auf der Liste der Preisträger. Aki Kaurismäki hätte für „Le Havre“, sein irrwitziges Hohelied der Solidarität und des Humanismus, gewiss einen der Hauptpreise verdient gehabt, aber die Jury (in diesem Jahr zusammen gesetzt aus Robert De Niro, Uma Thurman, Olivier Assayas, Jude Law, Mahamat-Saleh Haroun, Johnnie To, Linn Ullmann, Nansun Shi und Martina Gusman) wollte ihn lieber übergehen.

Die Goldenen Palme ging verdient an Terrence Malick für „The Tree of Life“, in dem er die Geschichte der Schöpfung im Kosmos einer 50er-Jahre Familie in Smithville, Texas widerspiegelte. Wie kein anderer Filmemacher im Wettbewerb hatte Malick seine Geschichte mit unerhörter assoziativer Energie zwischen dem Allerkleinsten und dem Allergrößten, zwischen Urknall und jüngstem Gericht oszillieren lassen, ihre sakralen Dimensionen ins Alltägliche gewendet und ständig wieder zurück. Der pressescheue Malick, der sich nun schon seit Jahrzehnten incognito durch die Filmwelt bewegt, blieb sich auch bei der Preisverleihung treu und der öffentlichen Bühne fern. In Cannes war er nur für zwanzig Sekunden bei der Galavorführung von „The Tree of Life“ erschienen, den Preis ließ er andere für sich entgegen nehmen.  

Den Grand Prix der Jury teilen sich in diesem Jahr die belgischen Brüder Dardenne mit dem türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Während die Dardennes ihr ethisches Universum in „The Kid With a Bike“ einmal mehr von einem hochenergetischen Kind durchqueren ließen, erzählt Ceylan mit grandiosem Understatement in „Bir zamanlar Anadolu’da“ (One Upon a Time in Anatolia) von einer Polizeiuntersuchung, die sich mit zwei geständigen Tätern, Polizisten, Staatsanwalt und Gerichtsmediziner durch die anatolische Nacht bewegt, mit geduldig ausgespielten Szenen, die ganz beiläufig eine unerhört reiche Welt aufreißen, ein wunderbares Ensemblestück, das erst am vorletzten Tag des Festivals vor den schon zunehmend erschöpften Kritikern Premiere hatte. Der Preis für die beste Regie ging an Nicolas Winding Refn für „Drive“, ein stilisiertes Gangsterdrama, das trotz der stellenweise virtuosen Inszenierung zunehmend an Drehbuchschwächen litt. Der „Preis der Jury“  wurde „Poliss“ zugesprochen, inszeniert von der französischen Filmemacherin und Schauspielerin Maпwenn, die darin, trotz mancher uneleganter Überspitzungen, durchaus fesselnd den Alltag einer Polizeitruppe in Paris verfolgte.

Kirsten-DunstMan darf auch im Darstellerinnenpreis, den Kisten Dunst für ihre Leistung in Lars von Triers „Melancholia“ bekam, durchaus eine höhere Form der Großzügigkeit erkennen, mit dem sich die Jury nicht nur über Lars von Triers idiotische Selbstbeschädigung in seiner Pressekonferenz zum Film hinweg setzte, sondern auch über das Verdikt („persona non grata“), das die Festivalleitung in Reaktion auf seine Provokationen über von Trier verhängt hatte. Einfacher hatte die Jury es beim besten männlichen Darsteller: Jean Dujardin bekam den Preis für seine mitreißende Darstellung eines absteigenden Hollywoodstars im Stummfilm „The Artist“ von Michel Hazanavicius.

Über den Hauptpreis in der Festivalreihe „Un Certain Regard“ für „Halt auf freier Strecke“ konnte sich Andreas Dresen freuen, der mit seinem zugleich nüchternen und sehr berührenden Porträt eines unheilbar kranken Familienvaters (Milan Peschel) die Kritiker zu Tränen gerührt hatte. Er wurde ex-aequo mit dem südkoreanischen Regisseur Kim Ki-duk ausgezeichnet, der in „Arirang“ seinen persönlichen Director’s Block in einem abwechselnd hyperrealistischen und surrealen Tagebuchfilm überwunden hatte. Der Regiepreis in der Reihe „Un Certain Regard“ ging an den iranischen Filmemacher Mohammad Rasoulof für „Bй omid й didar“ (Au revoir), in dem er von einer jungen Frau erzählt, die kurz vor der Ausreise aus dem Iran durch eine Schwangerschaft in neue Gewissensnöte gerät. Rasoulof war im vergangenen Jahr gemeinsam mit Jafar Panahi ins Visier der iranischen Sicherheitsbehörden geraten und ist wie der prominentere Kollege (dessen komplexer Dokuessay „This is Not a Film“ ebenfalls in Cannes Premiere hatte) von einer jahrelangen Haftstrafe bedroht. „Wenn man sich im eigenen Land wie ein Fremder fühlt“, heißt es einmal in Rasoulofs Film, „ist es besser in ein fremdes Land zu gehen und sich dort wie ein Fremder zu fühlen“. Beide Regisseure warten im Iran immer noch auf das Ergebnis ihrer Berufungsverhandlungen.

Text: Robert Weixlbaumer

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