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Cannes 2021: Solide Filmkunst – und Ernüchterung

Vom depressiven Musical als Eröffnungsfilm bis zum ungewöhnlichen Gewinner der Goldenen Palme – Cannes 2021 sorgte für Überraschungen. Unser Autor Michael Meyns hat in Cannes solide Filmkunst erlebt. Allerdings auch leichte Ernüchterung.

Marion Cotillard als Opernsängerin in „Annette“. Foto: CG Cinéma International

Cannes 2021: Kinos leer – aber immerhin keine Schlangen

Der Filmmarkt von Cannes, der den Festivalpalais in der ersten Woche sonst zu einem unglaublichen hektischen Taubenschlag macht, war 2021 praktisch nicht existent und auch sonst fiel das ansonsten gefürchtete Schlangestehen fast vollständig aus, ein elektronisches Ticketsystem machte es möglich. In den Kinos selbst herrschte oft gähnende Leere, was vielleicht auch dazu beitrug, dass sich nach gut der Hälfte des Festivals leichte Ernüchterung breit machte.

Besonders der Wettbewerb hatte Großes versprochen, fanden sich hier doch etablierte Namen des Autorenkinos wie Paul Verhoeven, Leos Carax, Nanni Moretti, Asghar Farhadi oder Kiril Serebrennikow wieder, dazu Newcomer wie Julia Ducournau, Sean Baker oder Mia Hansen-Love, Filmemacher:innen, die zum ersten Mal in den Wettbewerb aufgestiegen sind. Und dass der Cannes Wettbewerb so etwas wie der Olymp des Autorenkinos ist, zeigt eins: Etliche Filme, die schon seit langem fertig sind, die letztes Jahr, in der coronabedingt ausgefallen Ausgabe hätten gezeigt werden sollen, zogen nicht etwa andere Festivals vor, sondern warteten und warteten, bis es endlich wieder Cannes war.

„Anette“ ist nicht der stärkste Carax-Film

So hielt es etwa Leos Carax, dessen depressives Musical „Annette“ ein mehr als ungewöhnlicher Eröffnungsfilm war. Adam Driver und Marion Cotillard spielen darin ein ungleiches Paar, er radikaler, gern misogyner Stand Up-Comedian, sie Opernsängerin, deren Liebe groß ist und natürlich – wir sind schließlich bei Carax – zum Scheitern verurteilt ist. Ein Kind wird geboren, dass eine Holzpuppe ist, in einem Sturm stirbt Cotillards Figur, und das alles wird gesungen, zu Musik und Texten der amerikanischen Avantgarde-Band Sparks. Wie schon Carax letzter Film „Holy Motors“ ein an Selbstzitaten und Verweisen an die Filmgeschichte reicher Metafilm, der, so interessant er auch ist, problemlos als der schwächste Film von Carax bezeichnet werden kann. Was ganz und gar nicht gegen „Annette“ spricht, sondern für die Qualität eines der letzten großen Enfants Terribles des internationalen Kinos.

Aber so wie Carax nicht an seine besten Filme heranreichte, ging es den meisten anderen großen Namen: Nanni Moretti variierte in „Tre Piani“ einmal mehr schwierige Familienstrukturen, François Ozon blieb in „Tout s’est bien passé“, einer Geschichte über Sterbehilfe und ein schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis, selbst für seine Verhältnisse stilistisch sehr zurückhaltend und auch der Norweger Joachim Trier konnte mit „Verdens Verste Menneken/Der schlimmste Mensch der Welt“, dem Abschluss seiner losen Oslo-Trilogie, nicht an die Qualität seines Meisterwerks „Oslo, 31. August“ anknüpfen.

Thema Sterbehilfe: „Tout s’est bien passé“ von François Ozon. Foto: Carole Bethuel / Mandarin Production / Foz

Sean Penns „Flag Day“ ist unterirdisch“, aber es gibt auch gute Filme

Doch immerhin waren dies solide Arbeiten, ganz im Gegensatz zu einem Totalausfall wie Sean Penns Vater-Tochter-Drama „Flag Day“, in dem diesmal (nach seiner damaligen Freundin Charlize Theron im unterirdischen „The Last Face“) Penns Tochter Dylan Frances die Hauptrolle spielt. Eine Emanzipationsgeschichte soll es sein, das Loslösen von einem kriminellen Vater, der sich und seiner Familie das Blaue vom Himmel lügt, gefilmt in Pseudo-Malick-Manier, voller verkitschter Amerika-Bilder und -Klischees.

Um Emanzipation ging es auch in zwei der vier Filmen von Regisseurinnen, die zu den interessantesten Arbeiten im Wettbewerb zählten. Mia Hansen-Løve verarbeite ihre langjährige Beziehung zum Regie-Kollegen Olivier Assayas in ihren wunderbaren „Bergman Island“. Vicky Krieps und Tim Roth spielen darin das Filme machende Paar Chris und Tony, dass auf Fårö nach Ruhe und Inspiration sucht. Und diese winzige Insel vor der schwedischen Küste ist nicht nur atemberaubend schön, hier drehte Ingmar Bergman zahlreiche seiner Filme, verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in einem abgelegenem Holzhaus (allerdings eins mit privatem Kino im Nebengebäude) und liegt seit 2007 auf dem kleinen Kirchhof begraben. Ein Bergman-Museum gibt es dort, eine Bergman-Safari, Stipendien für Künstler, die Bergmans Aura atmen wollen.

Filmemachen auf Fårö: „Bergman Island“ von Mia Hansen-Løve. Foto: CG CINÉMA

So geht es auch Chris, die von Bergmans Geist jedoch eher belastet als inspiriert scheint. Bald beginnt sie Tony ihren Drehbuch-Entwurf zu erzählen, in den es wiederum um eine Filmemacherin geht. Und so geht es mit zwei Surrogat-Figuren in die Psyche einer Filmemacherin, Realität und Fiktion verschwimmen und immer schwingt die Frage mit, wie es einer Frau in der Gegenwart möglich ist, Filmemachen und eine Familie, Kinder, unter einen Hut zu bringen. Bergman hatte es da leicht: Seine neun Kinder von sechs Frauen wurden von den Müttern aufgezogen, während er sich auf das Filmemachen konzentrieren konnte.

Goldene Palme für „Titane“ auf den ersten Blick überraschend

Bei der Preisverleihung am Samstagabend gab es für Hansen-Løve leider keine Trophäe, die Jury um Präsident Spike Lee zeichnete statt dessen gleichermaßen überraschend, wie zwingend einen anderen, in jeder Hinsicht radikaleren feministischen Entwurf mit der Goldenen Palme aus: Julia Ducournaus exzessiven „Titane“, eine Art Mischung aus „Fast and the Furious“, Arthouse-Sensibilität, zeitgeistigen Diskursen und Horrormotiven. Es geht um eine Frau namens Alexia (Agathe Rousselle), die seit ihrer Kindheit eine Platte aus Titan im Kopf trägt. Zunehmend entwickelt sie sich zu einem Mischwesen, durchbricht gängige, man mag sagen konservative Geschlechternormen, hat Sex mit Menschen und Autos, blutet kein rotes Blut sondern eine schwarze Substanz, die man für Motorenöl halten mag und verwandelt sich bald in einen vermissten jungen Mann. Seit er vor zehn Jahren verschwand suchte sein Vater Vincent (Vincent Lindon) verzweifelt nach ihm, ist als Feuerwehrmann ohnehin Teil einer von Machismen geprägten Gruppe Männer, was er mit dem Spritzen rauer Mengen Steroide noch verstärkt. So wie Alexia sich physisch verändert, verändert auch Vincent seinen Körper auf geradezu groteske Weise und akzeptiert Alexia als wiedergefundenen Sohn, auch als er realisiert, dass sie alles andere als ein junger Mann ist.

Ausgezeichnet mit der Golden Palme von Cannes: „Titane“ von Julia Ducournau. Foto: Carole Bethuel

Dass so ein radikaler, mit Genremotiven spielender, sich in teils exzessiven Gewaltspitzen ergehender Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde mag auf den ersten Blick überraschen. Auf den zweiten mutet die Auszeichnung für „Titane“ fast zwingend an. Schon seit Jahren wurde gemäkelt, dass in Cannes zu wenige Frauen im Wettbewerb vertreten sind, dass die letzte und einzige Goldenen Palme auch schon Jahrzehnte zurückliegt – Jane Campion gewann sie 1993 für „Das Piano.“ Auch die Diskussionen um Diversität und Repräsentation lassen einen Film wie „Titane“, der sich auf vielfältige, aber auch ambivalente Weise mit den Themen Diversität und Repräsentation beschäftigt und dazu noch von einer Frau stammt, fast wie eine Vorlage für eine Jury verstehen, die zum ersten Mal mehrheitlich weiblich war und einen Jury-Präsidenten hatte, dem diese Fragen aus nachvollziehbaren Gründen ebenfalls nahe gehen.

Grand Prix der Jury: „A Hero“ von Asghar Farhadi. Foto: Amirhossein Shojaei

So einfach sollte man es sich allerdings nicht machen, denn die Jury traf angesichts eines insgesamt durchwachsenem, fast enttäuschenden Wettbewerb gute Entscheidungen, zeichnete klassisches Erzählkino wie Asghar Farhadi moralisches Drama „A Hero“ ebenso aus wie ein radikales, sehr persönliches Experiment wie Nadav Lapids „Aheds Knie“, in dem es um den Nahostkonflikt und Zensur in Israel geht.

Und auch Leos Carax wurde zum ersten Mal in Cannes ausgezeichnet, immerhin den Preis für die Beste Regie gab es. Selbst anwesend war Carax bei der Preisverleihung nicht, vielleicht weil er seinem Ruf als Enfant Terrible gerecht werden wollte, vielleicht hatte er aber auch nur Sorge, sich im mit 2300 Besucher voller Saal mit der Delta-Variante anzustecken. Denn so sehr sich Cannes auch bemühte, Corona zwölf Tage auszublenden, ein Thema war die Pandemie doch jeden Tag.

Cannes 2021: Alle Preisträger:
Palme d’Or: „Titane“ von Julia Ducournau

  • Grand Prix: (ex aequo) „A Hero“ von Asghar Farhadi und „Compartment No. 6“ von Juho Kuosmanen
  • Jury Prize: (ex aequo): „Ahed’s Knee”von Nadav Lapid und „Memoria” von Apichatpong Weerasethakul
  • Beste Schauspielerin: Renate Reinsve in „The Worst Person in the World” von Joachim Trier
  • Bester Schauspieler: Caleb Landry Jones in „Nitram” von Justin Kurzel
  • Beste Regie: Leos Carax für „Annette”
  • Bestes Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi für „Drive My Car”

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