Kino & Stream

Cannes: Die Preisträger 2010

UNCLE_BOONMEEMit einem schönen Akkord ging das Festival International du Film de Cannes am Sonntag Abend zu Ende. Die Jury machte im Finale wett, was der Wettbewerb in nicht wenigen Filmen schuldig geblieben war – sie entschied sich für Wagemut und größte Originalität. „Ich mag sie sehr – und ich mag auch Ihre Frisur“, bedankte sich der Cannes-Gewinner Apitchatpong Weerasethakul bei Jury-Präsident Tim Burton, der das Kompliment gerne annahm. „Uncle Boonmee who can recall his past lives“ (Foto) ist wie alle Weerasethakul-Filme eine vielschichtige, verspielte Arbeit, die aber zugleich sehr ernste Themen verhandelt.

Die thailändische Zeitgeschichte, das ferne Echo des Vietnamkriegens und die blutige Kommunistenhatz in der nordthailändischen Provinz, in der Weerasethakul aufgewachsen ist und in der er nun über Jahre gedreht hat, schwingen als Themen immer mit. Aber es ist auch hier wieder die genialische Beiläufigkeit, mit der der Regisseur Geisterwelt, Mythen, Träume und Bilder der buddhistischen Seelenwanderung mit ganz alltäglichen Szenen oder surrealen Fotoromanen fusioniert. Wenn sich die tote Frau oder der Affenmensch mit den rotglühenden Augen an den Tisch setzen und Onkel Bonmee auf seine Passage ins nächste Leben vorbereiten, geschieht das mit einer Nonchalance, als wären sie gerade nur für einen Augenblick aus dem Zimmer gewesen. Bonmee selbst ist Ochse am Rande des Dschungels, ist Mönch, ist Soldat, vielleicht auch der Fisch, der in einer Episode des Films sehr leidenschaftlichen Sex mit einer Prinzessin hat, die ewige Jugend sucht.

Der thailändische Regisseur hat von 1994-97 am Chicago Art Institute studiert und dort seine Liebe zum Avantgardekino intensiviert, in seinen Arbeiten lässt er seitdem mit einem unvergleichbaren, individuellen Stil heterogene Formen aufeinander prallen. Auch dieser Film ist Teil eines größeren Gesamtkunstwerks, das sich in Teilen im letzten Jahr schon in einer großen Installation im Haus der Kunst in München abgebildet war und sich auch in Kurzfilmen und Fotoarbeiten niedergeschlagen hat, Weerasethakuls Website www.kickthemachine.com gibt davon einen Eindruck.

PoetryMathieu Amalric durfte sich über den Regiepreis für den sehr viel klassischeren „Tournйe“ (On tour) freuen, eine Auszeichnung auch für die Energie, mit der der französische Schauspieler-Regisseur seinen Film über den Impresario eines New Burleske-Ensemble (wir berichteten) inszenierte hat. Mit der Lebendigkeit der Szenen, in denen sich seine New-Burlesque-Heldinnen als doppelt künstliche Figuren selbst darstellen durften, hatte sich „Tournйe“ wohltuend von manchem, in seinem altmeisterlichen Stil-Universum festgefahrenen Wettbewerbsfilm abgehoben. Einhelliger als bei Almaric war während des Festivals die Begeisterung gewesen, die Lee Chang-dong (Preis für das beste Drehbuch) mit „Poetry“ (Foto: rechts)bei den Kritiker ausgelöst hatte. Seine Erzählung über eine Großmutter, die in einem Volkshochschulkurs für Poesie nach einem eigenen, lyrischen Ausdruck sucht, verknüpfte der Film mit einer brutalen, zweiten Erzählung. Mit der Entdeckung, dass der Teenager-Enkelsohn ein Schulmädchen in den Tod getrieben hat, verwandelt sich „Poetry“ in ein vieldeutiges Drama mit zwei gegenstrebigen Erzählungen, in denen die Auflösung der Welt einen zugleich ganz handfesten und flüchtigen Ausdruck fand.

Virtous inszeniert ist gewiss auch „Des hommes et des dieux“ (Of Gods And Men) von Xavier Beauvois, der eine blutige Episode aus den algerischen Terrorjahren rekonstruiert (Grand Prix der Jury). 1996 wurde im algerischen Atlas-Gebirge eine kleine Gemeinschaft von Zisterzienser-Mönchen entführt und grausam ermordet, nach fehlgeschlagenen Verhandlungen wurden nur ihre abgeschnittenen Köpfe gefunden. Im Film sind Angehörige der islamistischen Jamal Islamiyya dafür verantwortlich, tatsächlich ist die Diskussion um die Rolle der algerischen Armee und der französischen Regierung in den Verhandlungen um die Freilassung der Mönche aber nicht ganz so abgeschlossen, wie es der Film erscheinen lässt. Beauvois will sich dafür nicht interessieren, auch nicht für den gegenwärtigen islamophoben Kontext, in dem sein Film auch in Frankreich notwendig steht. Es ist der Alltag der Mönche inmitten der ziemlich weltoffenen muslimischen Dorfgemeinschaft, ihre Zweifel und Ängste, ihre Entscheidung, Gott durch Armut, Scheitern und den Tod näher zu kommen, die Beauvois zu einem Bild des modernen Märtyrertums und der christlichen Nächstenliebe zusammenfügt. Aber es bleibt das Gefühl, dass der Film eine gewisse Blindheit für den gegenwärtigen Kontext hat, in dem er diese Geschichte präsentiert.

Jafar Panahi“ stand auf dem Schild, das Juliette Binoche bei der Preisverleihung in Cannes in die Kamera hielt. Binoche hat verdient für ihre virtuose Performance in Abbas Kiarostamis „Copie Conforme“ (Certified Copy), einer Weiterführung der Realitäts-Spiele des Regisseurs in sehr privatem Rahmen, den Darstellerinnen-Preis bekommen. Doch wie schon bei der Pressekonferenz wollte Binoche das Festival bei dieser Gelegenheit nicht zur reinen Kunstübung verkommen lassen. Der iranische Regisseur Jafar Panahi („The Circle“), als Festival-Juror nach Cannes eingeladen, war als unerschrockener Regiekritiker im März inhaftiert und ins berüchtigte Evin-Gefängnis in Teheran eingeliefert worden. Während des Festivals hatte er einen Hungerstreik begonnen, sein Fall hatte für angemessen große Aufmerksamkeit gesorgt. Wie es in Meldungen am Montag hieß, hatte die Kampagne für seine Freilassung kurz nach Ende des Festivals die Teheraner Behörden tatsächlich bewegt, Panahi freizulassen.

Und auch der Jury-Preis für „Un homme qui crie“ (A Screaming Man) für den im Tschad geborenen Regisseur Mahamat-Saleh Haroun, der in seiner Arbeit parabelhaft das Drama eines an seinem Sohn schuldig gewordenen Mannes mit dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland verknüpfte, unterstrich den Eindruck, dass die Jury in diesem Jahr ganz ohne Proklamationen Politik und die Kunst auf kluge Weise zusammengebracht hat, ohne das eine über das andere zu stellen.

Text: Robert Weixlbaumer

Mehr über Cookies erfahren