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Filmfestival in Cannes 2022: Die wichtigsten Filme und Preise

Das Filmvestival in Cannes ging am 28. Mai mit einer Goldenen Palme für „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund zu Ende. Für den tipBerlin war Michael Meyns vor Ort – hier sein Überblick über die wichtigsten Entdeckungen auf dem Cannes Filmfestival 2022 und über deutsche Beteiligungen an den Wettbewerbsbeiträgen.

„Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund. Foto: Coproduction Office

Filmfestival in Cannes 2022: Deutsche Ko-Produktion prämiert

Kaum war am 28. Mai die 75. Ausgabe des Filmfestivals von Cannes mit der Verleihung der Goldenen Palme zu Ende gegangen, da verschickte das Medienboard Berlin Brandenburg eine Mail, in der es jubelte: „4 MBB-geförderte Filme gewinnen in Cannes!“ Konsequenter wäre es gewesen, gleich zu behaupten: „Goldene Palme für Deutschland“, was zumindest zur Hälfte, gut, vielleicht zu einem Drittel der Wahrheit entsprochen hätte. Denn „Triangle of Sadness“, die „Satire auf Superreiche“, wie es in der Ankündigung hieß, mit der der schwedische Regisseur Ruben Östlund zum zweiten Mal in Folge einen der wichtigsten Preise der Filmwelt gewann, ist tatsächlich eine deutsche Ko-Produktion. Die Berliner Dependance der Firma Coproduction Office war an Bord, einige Szenen wurden in Berlin gedreht, und deutschem Geld verdanken auch Sunnyi Melles und Iris Berben ihre Auftritte.

Letztere spielt eine Figur, die nach einem Schlaganfall nur drei Worte sagen kann: „In den Wolken“, eine Sentenz, die sie zu jedem möglichen und unmöglichen Zeitpunkt vorbringt, erst auf einer Luxusjacht in der Ägäis, auf der Reiche und Schöne das Leben genießen, über Marxismus und Kapitalismus diskutieren, schließlich auf einer einsamen Insel, wo eine Handvoll Überlebender nach einem Überfall von Terroristen und anschließendem Sturm gestrandet ist. So wie schon in seiner Kunstsatire „The Square“ reiht Östlund auch hier Szenen aneinander, die mal mehr, mal weniger pointiert eine Sphäre der Gesellschaft aufs Korn nehmen, über die es leicht ist, sich lustig zu machen.

Tom Cruise in „Top Gun: Maverick“ von Joseph Kosinski. Foto: Paramount

Cannes 2022: Ein Festival in Feierlaune

Ob man es ironisch finden kann oder muss, dass so ein Film ausgerechnet beim Jahrmarkt der Eitelkeiten in Cannes ausgezeichnet wird, sei dahingestellt. Ein Jahr nach der Covid-Edition, bei der das Programm übervoll, die Kinos dafür halb leer waren, präsentierte sich Festival in bester Feierlaune, ließ für die Europapremiere von Tom Cruises 80er-Jahre-Nostalgiefilm „Top Gun:  Maverick“ allen Ernstes Kampfjets der französischen Armee über die Croisette donnern und den Himmel mit rot/weiß/blauem Rauch vernebeln und fragte sich offenbar in keiner Sekunde, wie das mit dem Auftritt des ukrainischen Präsidenten Selenskyj bei der Eröffnungsfeier zusammenpasste, der wie so oft in den letzten Monaten, aus Kiew zugeschaltet war und um Solidarität für sein Land bat.

Die Solidarität des Festivals ging so weit, dass russischen Delegationen offiziell der Zugang verwehrt wurde, was dem Vernehmen nach russische Filmeinkäufer aber nicht daran hinderte, auf dem Filmmarkt Geschäfte zu machen. Der einzige Russe, der von dem Boykott ausgenommen war, war Cannes-Stammgast Kiril Serebrennikow, der inzwischen in Berlin lebt, und einen stimmungsvollen, wenn auch enigmatischen Film über „Tschaikowskys Frau“ zeigte. Und seine Pressekonferenz dazu nutzte, um eine Lanze für den russisch-ukrainischen Milliardär Roman Abramovich zu brechen, der auch an der Finanzierung von Serebrennikows Film beteiligt war.

Unter dem Skalpell: In David Cronenbergs „Crimes of the Future“ wird Chirurgie der neue Sex

Was wiederum dem ebenfalls in Berlin lebendem ukrainischen Filmemacher Sergei Loznitsa missfiel, der selbst einen seiner typischen, ganz aus Archivmaterial bestehenden Essayfilme vorstellte: „Die Naturgeschichte der Zerstörung“ zeigt den Vorlauf und den Effekt des Bombenkrieges, der in der Endphase des Zweiten Weltkriegs deutsche Städte in Schutt und Asche legte. Faszinierende Bilder hat Loznitsa zusammengetragen, expressiv vertont, was in Kombination mit einer gewissen Kontextlosigkeit in manchen Momenten ein mulmiges Gefühl erzeugt, denn leicht mag man hier die deutsche Zivilbevölkerung als ausschließliche Opfer erkennen.

Wettbewerb war gemächlich, oft behäbig

Im Wettbewerb ging es dagegen gemächlicher zu, oft auch behäbig. Altmeister wie David Cronenberg oder die Dardenne-Brüder legten Variationen ihrer bekannten Themen vor. Der Kanadier spielte einmal mehr in Body-Horror-Gefilden, doch seine Phantasie über „Crimes of the Future“, eine Welt, in der „Chirurgie das neue Sex“ ist, blieb seltsam unterentwickelt und gefiel sich in zarten Schockmomenten. Und die belgischen Brüder folgten in ihrem typischen Sozialrealismus diesmal einem falschen Bruder/Schwester-Paar aus Afrika, das in mafiösen Strukturen ausgebeutet wird. Von der moralischen Ambivalenz ihrer besten Filme war in „Toki und Lokita“ nichts zu spüren, die Schlechtigkeit der Welt auszustellen, reichte jedoch für einen Sonderpreis zum 75. Jubiläum des Festivals.

Bis vor ein paar Monaten war Claire Denis, eine der Größten des französischen Kinos, noch nie bei einem der wichtigsten Festivals prämiiert worden, dann gab es bei der Berlinale 2022 den Regiepreis. In Cannes zeigte sie nun schon ihren nächsten Film, den in Panama auf Englisch gedrehten „Stars at Noon“, für den es den Großen Preis der Jury gab. Nicht unumstritten, denn die Geschichte von zwei Aussteigern, die in Nicaragua eine Affäre beginnen, lebte fast ausschließlich von der Chemie der beiden Hauptdarsteller Joe Alwyn und Margaret Qualley und jener typischen mäandernden Atmosphäre, die für Denis so typisch ist. Als Vorlage des Films diente der gleichnamige Roman von Denis Johnson, den Denis kurzerhand von 1984 in die Gegenwart verlegte. Weniger die Machenschaften einer Militärdiktatur schwingen dadurch im Hintergrund immer mit, als die Covid-Pandemie: Als einer der ganz wenigen Filme mit zeitgenössischem Setting war die Pandemie in „Stars at Noon“ ein Thema, zumindest am Rande.

Vielleicht aber auch gut so, denn den unverhüllten Gesichtern in den Kinosälen nach zu urteilen, hat wirklich kaum noch jemand Lust, sich mit der Pandemie zu beschäftigen. Kleine Randbemerkung: Unter den wenigen internationalen Journalisten, die freiwillig weiterhin Maske trugen, befanden sich überdurchschnittlich viele Deutsche, und auch bei den Länderpavillons, in denen die einzelnen Nationen ihre Filmproduktion vorstellen fand sich nur am deutschen Pavillon ein Zettel mit dem Hinweis: „Maske tragen empfohlen“.

„Mehr denn je“ von Emily Atef. Foto: Filmfestspiele Cannes

Abgesehen davon blieb die Präsenz des deutschen Kinos in Cannes einmal mehr unauffällig, über einige Ko-Produktionen freuten sich deutsche Förderanstalten, als einzige deutsche Regisseurin wurde Emily Atef ins Programm eingeladen, allerdings mit der vor allem französischen Produktion „Mehr denn je“. Ein Liebesdrama, das ganz auf seine Hauptdarstellerin Vicki Krieps zugeschnitten ist, die eine sterbenskranke Frau spielt, die weniger mit ihrem unausweichlichen Tod zu kämpfen hat, als mit ihrer Umgebung. Vor allem ihr Mann, gespielt vom viel zu jung verstorbenen Gaspard Ulliel, der hier in seiner letzten Rolle zu sehen ist, mag nicht akzeptieren, dass seine Frau bald sterben wird, und kämpft einen Kampf gegen Windmühlen. Wie er langsam akzeptiert, dass er seine geliebte Frau gehen lassen muss, erzählt Atef in manchmal kitschigen, meist aber berührenden Bildern, die einen Film übers Sterben zu einem Film über die Liebe werden lassen.

Vorfreude: Brett Morgen hat mit „Moonage Daydream“ einen mitreißenden Film über David Bowie gemacht

Eine Ode an das Leben war schließlich auch der mitreißendste Film des Festivals: Brett Morgens „Moonage Daydream“, eine ausufernde Hommage an David Bowie, für die Morgen sich im riesigen Nachlass des Künstlers bedienen durfte. In einer fast nie zum Halt kommenden, atemberaubenden Montage bewegt sich Morgen durch Werk und Leben Bowies, zeigt Konzertaufnahmen, Ausschnitte aus Bowies Auftritten in Spielfilmen, unzählige Fotos, auf denen immer wieder deutlich wird, wie unfassbar fotogen Bowie war. Und nicht zuletzt ist Bowie zu hören, in bemerkenswert selbstreflexiven Interviews, in denen er seine Philosophie, seine Ängste, vor allem aber seine Lust am Leben darlegt.

Lust aufs Kino wollte die Jubiläumsausgabe von Cannes machen, nach zwei Jahren Pandemie sollte der großen Leinwand gehuldigt werden, wurde immer wieder die Magie des Kinos beschworen, dem Ort, wo Hunderte oder wie im Festivalkino Grand Theatre Lumiere 2300 Menschen zusammen einen Film sehen. In den besten Momenten gelingt es Cannes dann auch, Lust auf Filme und aufs Kino zu verbreiten, trotz mancher Widersprüche: Die Filme des Streamingdienstes Netflix werden zwar seit Jahren boykottiert, obwohl davon die Konkurrenz aus Venedig profitiert, dafür gibt es seit diesem Jahr einen neuen Hauptsponsor: das Kurzvideo-Portal Tik Tok.

Filmfestival von Cannes 2022: Die Sieger

  • Goldene Palme: „Triangle of Sadness“ – (Ruben Östlund)
  • Großer Preis der Jury: ex-aequo „Stars at Noon“ (Claire Denis) und „Close“ (Lukas Dhont)
  • Preis der Jury: ex-aequo „EO“ (Jerzy Skolimowski) „The Eight Mountains“ (Charlotte Vandermeersch und Felix van Groeningen)
  • Jubiläumspreis des 75. Festivals: „Tori et Lokita“ (Jean-Pierre und Luc Dardenne)
  • Beste Regie: Park Chan-Wook („Decision to Leave“)
  • Beste Darstellerin: Zar Amir Ebrahimi in „Holy Spider“ von Ali Abbasi
  • Bester Darsteller: Song Kang-ho in „Broker“ von Hirokazu Kore-eda
  • Bestes Drehbuch: Tarik Saleh für „Boy from Heaven“

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