Kino & Stream

Das Filmfestival in Cannes 2013

Heli23.05.2013
Cannes ist ein Festival, das traditionell Sensationen jeder Art liebt, aber in diesem Jahr stechen bislang im Wettbewerb ganz deutlich die stillen Filme hervor, die ohne große Gewaltausbrüche oder andere Exzesse menschliche Beziehungen erforschen – auch wenn der Beginn mit Amat Escalantes Folterszenen in „Heli“ (Szenenfoto) noch in eine ganz andere Richtung zu weisen schien, und sich später im Wettbewerb auch Genre-Nonsense wie Takashi Miikes „Shield of Straw“ fand oder die hyperstilisierte Impotenzphantasie „Only God Forgives“ von Nicolas Winding Refn, seiner zweiten blutigen Zusammenarbeit mit Ryan Gosling nach „Driver“. Mehr an Kraft fand sich doch immer dort, wo die Filmemacher näher an alltäglichen Stoffen blieben.
Hirokazu Kore-edas „Like Father, Like Son“ (Wie der Vater, so der Sohn) erzählte bedachtsam und rührend von zwei Familien, die erfahren, dass ihre inzwischen sechsjährigen Söhne bei der Geburt im Krankenhaus vertauscht wurden und setzte seine Figuren schmerzhaften Lernprozessen aus. Asghar Farhadi drehte in „The Past“ die Sprachspiele immer weiter, die die Liebes- und Schuldverhandlungen einer Pariser Familie begleiten, in die der iranische Exmann der Mutter für die Abwicklung der Scheidung zurückkehrt. Der iranische Regisseur, der hier seine philosophischen Recherchen in einem französischen Setting weiterführt, überdreht die Handlung, aber das geschieht immer im Dienste seiner fast technischen Frage nach letzter Verantwortung oder individueller Schuld, die zuletzt auch „Nader und Simin – eine Trennung“  beherrschte.
Die genauen, im gewöhnlichen Alltag verwurzelten Erzählungen vermochten in Cannes am meisten zu überzeugen, wie auch am Ende der ersten Festivalwoche Abdellatif Kechiches „La Vie d’Adele“, der sich drei Stunden lang auf das Leben seiner zu Filmbeginn erst 15 Jahre alten Titelfigur (Adele Exarchopoulos) einließ, die sich in eine Kunststudentin (Lea Seydoux) verliebt. Aus Szenen in der Schule und im häuslichen Familienalltag, schält sich das Bild einer unbedingten Liebe, die Kechiche auch in drei langen, extrem intimen Liebeszenen dokumentiert, die dem Film mit Sicherheit auch mehr Aufmerksamkeit bei den Verleihern garantieren werden. Nicht nur die Courage, sich vor der Kamera auch auf expliziten (was nicht heißt: pornografischen) Sex einzulassen, macht Exarchopoulos zu einer Kandidatin für den Schauspielerinnen-Preis, es ist mehr die Beiläufigkeit und Entspanntheit, mit der sie (und die meiste Zeit auch der Film selbst) das Thema der ersten großen Liebe erkundet und ihre Figur eine nuancierte Entwicklung durchmachen lässt.
Vom Erwachen einer anderen Liebe erzählte Alexander Payne in seinem schwarzweißen Roadmovie „Nebraska“ tags darauf, zwischen Menschen, die schon mehr als vierzig Jahre miteinander verbracht haben. Von seinen Grundelementen ähnelt „Nebraska“ den früheren Filmen des US-Regisseurs („About Schmidt“; „Sideways“), der hier wieder einen misanthropischen Zentralcharakter (Preiskandidat: Bruce Dern) auf eine Reise schickt, die zuerst nur ein Kapitel mehr in einem Leben zu sein scheint, in dem sich Glücksversprechen nicht erfüllen. Die Autofahrt von Montana nach Lincoln, Nebraska, auf die sich der bereits leicht altersverwirrte Woody (Dern) und sein Sohn David (Will Forte) begeben, lässt immer mehr Figuren aus der Vergangenheit des Vaters auftauchen: alte Rechungen werden aufgemacht, Familienkriege wieder eröffnet und auch eine Verbindung zwischen Vater und Sohn geknüpft, die es vorher nie gab. Wie die Coen-Brüder in ihrer überdrehten Erfolglosigkeitshymne „Inside Llewyn Davis“, die ein paar Tage davor im Wettbewerb lief, kombiniert auch Payne seine Geschichte mit Situationskomik und hintergründigem Humor, der hier anders als bei den Coens für Milde sorgt und nicht für die immer weitere Steigerung der irrwitzigen Absturzphantasien. Auch das kann eine späte Gnade sein.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Festival de Cannes

21.05.2013
„Der letzte der Ungerechten“ – Claude Lanzmanns großes Porträt von Benjamnin Murmelstein in Cannes.

Claude Lanzmann ist eine eindrucksvolle  Erscheinung. Man mag ihm das Alter (er wird im November 88) anmerken, wenn er die gefährlichen letzten vier Treppenstufen auf dem Weg auf die Bühne des Salles Debussy in Cannes erklimmt, aber die Unsicherheit verschwindet in anderen Momenten vollkommen hinter seiner ungebrochenen Kraft als Erzähler oder findet gar noch Eingang in den Film selbst, wenn er die Anstrengungen des Alters nutzt, um an die Alltagstorturen der Nazis für die Alten von Theresienstadt zu erinnern.
Lanzmann hat in seinen Filmen die Geschichte des Holocausts festgehalten, die die Vorgeschichte Israels ist. „Pourqoi Israel“ (Warum Israel) fragt sein erster Film von 1973, „Shoah“ antwortete darauf 1985 mit Berichten aus den Todeszonen der Vernichtungslager. Immer wieder ist Lanzmann danach in einer Reihe von Porträts zum unverfilmbaren Thema der Vernichtung der europäischen Juden zurückgekehrt – Filme,  die Material enthielten, das er in den Jahren seiner Recherche gesammelt hatte. Über die Jahrzehnte hat er so „Shoah“ Kapitel zur Seite gestellt, die den ursprünglichen Rahmen des ohnehin schon monumentalen Films endgültig gesprengt hätten. „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ erzählte die Geschichte der Revolte im titelgebenden Vernichtungslager; vier Jahre davor hatte Lanzmann in „A Visitor From The Living“ den Delegierten des Roten Kreuzes, Maurice Rossel vorgestellt, der 1943 und 1944 Auschwitz und Theresienstadt besucht hatte.
„The Last of The Unjust“, der nun in Cannes Premiere hatte,  ist ein Film über Benjamin Murmelstein, Wiener Rabbiner, letzter „Judenältester“ des Ghettos Theresienstadt, das den Nazis als Vorzeigelager und Lügengebäude diente, in dessen Schatten sie die Deportation der deutschen Juden und die Ermordung von Millionen betrieben. Der Film basiert auf einem Interview, das Lanzmann 1975 im Laufe einer Woche in Rom führte, wo Murmelstein nach dem Krieg (und einem Prozess in Tschechien, bei dem er freigesprochen wurde) lebte. Murmelstein ist Zeuge der Genese der Auswanderungs-, Ausplünderungs-, Deportations- und schließlich Vernichtungs-Pläne unter Eichmann, dem er 1938 in Wien zum ersten Mal begegnete. Lanzmann rekonstruiert in diesen Gesprächen die komplexe Rolle Murmelsteins (der in diesen ersten Jahren der Naziokkupation 121.000 deutschen und österreichischen Juden half auszuwandern), aber damit später auch in eine Rolle geriet, die Hannah Arendt in „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ festhielt (und damit für heftige Kontroversen sorgte, zu denen Lanzmanns Film nun seinen entgegen gesetzten Beitrag liefert). Die Frage nach der Rolle der Judenräte in den Ghettos, die die Schnittstelle wurden, über die Eichmann und SS ihre Pläne und Befehle durchsetzten, beantwortet Murmelstein mit dem Bild von seiner Lage zwischen Hammer (SS) und Amboss (den Opfern, die sie schützen wollten), in der man nur wenige Schläge abfangen konnte – und jeden abbekam. Lanzmanns Film zeichnet in seinen dreieinhalb Stunden ein immer komplexeres Bild von Murmelsteins eindrucksvoller Persönlichkeit, mit spürbarer Sympathie für den zum Zeitpunkt des Interviews extrem angefeindeten Mann, aber auch mit Blick für die Widersprüche, denen Murmelstein sich ausgesetzt sah. „The Last of The Unjust“ erweist ihm nicht nur mit der Schlussumarmung Lanzmanns Respekt, sondern auch mit dem Selbstbewusstsein, in dem Lanzmann selbst damit in eine unabgeschlossene Diskussion eintritt.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Romanceor / Creative Commons

17.05.2013
Die neun Geschworenen. Die Jury von Cannes und die Lust an der Konkurrenz.

Steven SpielbergWenn sich die Jury in den Tagen vor der Preisvergabe in Cannes zu den Beratungen zurückzieht, wird ein Mann besonders gut vorbereitet sein. Steven Spielberg, in diesem Jahr der Vorsitzende, scherzte schon bei der Pressekonferenz, in der er sich mit seinen acht prominenten Kollegen vorstellte (die Regisseure Ang Lee, Naomi Kawase, Christian Mungiu, Lynne Ramsey und die Akteure Nicole Kidman, Christoph Waltz, Vidya Balan, Daniel Auteui), dass er sich noch einmal Henry Fondas Auftritt in „Die zwölf Geschworenen“ ansehen wolle, um gegebenenfalls im Alleingang seine Kollegen von seinem Favoriten zu überzeugen. Das Festival hat keine Probleme hochkarätige Jurys zusammenzustellen, aber diese hier hat doch etwas sehr besonderes, auch weil sie die Spannung, die im Festival selbst liegt, in der Personenkonstellation veranschaulicht. Der im labyrinthischen Untergeschoss des Festivalpalais angesiedelte Markt ist der weltgrößte Handelsplatz für Filme, Ideen und Talente aus allen Kategorien von A- bis Gonzogore, während in den darüber gelegenen Kinosäälen die Weltpresse jedes Jahr nach den avanciertesten Autorenfilmen (und den kreativsten Monumentalprodukten, außer Konkurrenz) sucht.
Mit der Idee, das Autorenkino in einen Wettbewerb zueinander zu setzen, hat Spielberg keine Schwierigkeiten. Er selbst habe Wettbewerb immer akzeptiert, hielt er entspannt fest, schließlich würde auch sein Kino immer mit anderen Hollywoodfilmen ständig um den größtmöglichen Anteil am Publikum kämpfen. Das besondere an Cannes sei, dass hier Filme zusammenkämen, die um ein ganz spezielles Publikum kämpfen, dass hier kulturelle Differenz gefeiert und mit größtmöglicher Heftigkeit betont würde.
Spielbergs Selbstbewusstsein wurde auch deutlich, als er gefragt wurde, ob er denn frühere Filme etwa des niederländischen Regisseurs Alex van Warmerdam kennen würde, der einen der Plätze im Wettbewerb hat? Nein, entgegnete Spielberg entspannt. Wenn der Film gut genug sei, dann würde man sich auch für den Regisseur interessieren. In dieser Reihenfolge. Das erste Werk, das Festivaldirektor Thierry Fremaux der Jury auf den Wettbewerbsplan gesetzt hatte, Amant Escalantes „Heli“, folterte seine Filmfiguren (und spürbar auch manche Zuschauer) mit einem Alptraum, in den eine mexikanische Familie hineinschlittert, als sie ungewollt Berührung mit dem Horroruniversum der Narcos bekommt. Sexuelle Versklavung einer 12-Jährigen. Zerstörte Männerkörper. Ein brennendes Geschlecht. Auch das gehört zur Sensationslogik von Cannes.

Text und Foto: Robert Weixlbaumer

16.05.2013
Nicht in Cannes und doch präsent: Lars von Trier macht Werbung für die Weltpremiere von „Nymphomaniac“.

Nymphomaniac

Pünktlich zum Start des Festival von Cannes hat sich Lars von Triers Produktionsgesellschaft Zentropa gemeldet, um zu verkünden, was schon seit Monaten klar ist. Von Triers jüngstes Projekt „Nymphomaniac“, die fünf Jahrzehnte umfassende sexuelle Biographie einer sehr aufgeklärten Frau (wir berichteten) wird nicht auf dem Festival Premiere haben –  allerdings auch auf keinem anderen. Der jüngst in Cannes wieder begnadigte und vom Bannfluch der „persona non grata“ befreite 
Regisseur, wird die Weltpremiere des Films Anfang Dezember in von Triers Heimatstadt Kopenhagen feiern, wie Zentropa-CEO Peter Еlbжk Jensen bekannt gab:“Da die visuellen Effekte des Films einen wesentlichen Teil der Erzählung ausmachen, erwartet uns eine aufwändige Postproduktionsphase, und Lars hat gerade erst begonnen, PART II zu schneiden. Dezember ist also ein guter Monat. Außerdem – was könnte weihnachtlicher sein als ein Film wie dieser?“
Die Presseaussendung begleitet ein montiertes Ensemble-Foto (siehe oben) mit den zentralen Akteuren, (von links nach rechts): Stacy Martin, Lars von Trier, Shia LaBeouf, Jamie Bell, Udo Kier, Uma Thurman, Sophie Kennedy Clark, Willem Dafoe, Mia Goth, Stellan Skarsgеrd, Christian Slater, Nicolas Bro, Charlotte Gainsbourg und Connie Nielsen. Fotografiert von Casper Sejersen.

Text: Robert Weixlbaumer

14.05.2013
Jean-Luc in 3D als scharfe Konkurrenz: Die Filmfestspiele an der Cote d’Azur und seine aufregenden Nebenreihen. Wir berichten direkt aus Süd-Frankreich.

3x3D

Die schärfste Konkurrenz, die das Wettbewerbsprogramm des Cannes-Festivals kennt, kommt aus dem Festival selbst: Es sind die zahlreichen Nebenreihen, die das Ringen um die Goldene Palme jedes Jahr orchestrieren. Die gut beschäftigte Hauptjury um Steven Spielberg, der als Vorsitzender unter anderen von Ang Lee, Naomi Kawase, Cristian Mungiu, Nicole Kidman, Christoph Waltz und Daniel Auteuil unterstützt wird, bekommt diese Filme kaum je zu Gesicht, aber für die internationalen Kritiker schaffen sie erst den weiten Horizont, in dem das Festival jedes Jahr aufs Neue agiert und seine Filme, Wettbewerb inklusive, am Ende bewertet werden.

Un Certain Rйgard (frei übersetzt: Ein besonderer Blick) heißt die zweite Hauptreihe neben dem Wettbewerb, in der Festivaldirektor Thierry Frйmaux Arbeiten versammelt, die sich oft ohne Schwierigkeit mit der Compйtition messen können. Erstlingsregisseure sind hier willkommen, aber auch arrivierte Regisseurinnen und Regisseure zeigen neue Werke, die andere Festivals nur zu gerne in ihren Hauptprogrammen platzieren würden. In diesem Jahr sind etwa Claire Denis (mit „Les Salauds“) und Sofia Coppola (mit „The Bling Ring“) unter den eingeladenen Künstlern.
Zehn Minuten Fußweg vom Festivalpalast, im ehemaligen Noga-Hilton-Hotel an der Croisette, beginnt Mitte Mai eine Konkurrenzveranstaltung, die schon seit Jahrzehnten fest ins Programm der Cinephilen integriert ist. Die Quinzaine des Rйalisateurs wurde vom französischen Regieverband nach der festivalinternen Revolte im Mai 1968 ins Leben gerufen und stellt heute dem großen Festival ein Programm zu Seite, das schon für viele Regisseure ein Sprungbrett in die globale Aufmerksamkeit war, manchmal gastieren hier aus Sympathie auch Schwergewichte wie Francis Ford Coppola (2009 mit „Tetro“). Ein paar Hundert Meter weiter hat die vierte wichtige Programmreihe von Cannes ihr Hauptquartier. Die Semaine de la Critique, veranstaltet vom Filmkritikerverband, hat in diesem Jahr besonders prominente Gäste, die ihrem Abschlussfilm große Aufmerksamkeit sichern werden: Jean-Luc Godard präsentiert sein erstes 3D-Werk im Omnibusfilm „3x3D“, dessen beiden anderen Teile Peter Greenaway und Edgar Pкra inzeniert haben.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Quelle: semaine de la critique

Cannes 2013, 15. – 26. Mai 2013
Wir berichten an dieser Stelle ab Mittwoch, den 15. Mai direkt vom Festival an der Cote d’Azur

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