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Carla Juri über ihre Rolle in „Feuchtgebiete“

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Foto: David von Becker

Carla Juri habe ein „Talent, Menschen mit einem Geheimnis zu spielen“ – so hieß es 2013 in einer Jurybegründung für die Auswahl der Shooting Stars, die jährlich von der European Film Promotion bekannt gegeben werden. Für die aus der italienischen Schweiz stammende Schauspielerin war es die erste größere Anerkennung im deutschsprachigen Raum, die nun durch ihre Rolle in „Feuchtgebiete“ bestätigt wird. Ihren Durchbruch hatte Juri 2010 mit dem Schweizer Schicksalsdrama „180°“, 2012 drehte sie in England mit Alex Walker den Beziehungsthriller „Fossil“. Carla Juri spricht fünf Sprachen und möchte weiterhin international arbeiten.

Frau Juri, es war eine der spannenden Fragen in der deutschen Filmbranche nach dem riesigen Erfolg von Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“: Wer würde Helen Memel spielen? Wie kam es, dass Sie die Rolle bekamen?
Ich wurde zu einem Casting eingeladen. Das Buch kannte ich damals nicht, denn als es rauskam und das Ganze losging, war ich nicht in Europa. Ich musste einige Szenen vorspielen, hauptsächlich Monologe, die Helen im Buch hat. Da habe ich immer noch gezögert, das ganze Buch zu lesen, um nicht voreingenommen zu sein. Ich wollte mich nicht ablenken lassen, wollte selber herausfinden, was hinter dem Menschen Helen steckt. Ich kam dann beim Casting in die zweite Runde, und da habe ich David Wnendt gefragt: Soll ich das Buch überhaupt lesen? Ja, hat er gesagt, aber sieh es mit Abstand. Da erst habe ich so richtig angefangen, diese Figur zu analysieren, zu versuchen, ihre Komplexität und ihre Rebellion zu verstehen.

Worüber spricht man im Detail, wenn man sich auf so eine Rolle einlässt? Es geht da ja auch um Nacktheit, um peinliche Details, um eine heikle Balance zwischen Voyeurismus und Intimität.
Es war klar, jede Szene muss diskutiert werden, voyeuristisch durfte es nicht werden. Ich begriff schnell, das geht nicht in diese Richtung. Am Schluss war klar, dass ich eine komplexe Figur zugänglich machen will. Vor allem auch der Produzent Peter Rommel vermittelte mir das Gefühl, dass ich geschützt war.

Wer ist Helen Memel für Sie?
Sie hat mich besonders interessiert, weil sie nach ihren eigenen Regeln spielt und anders ist, ohne das unbedingt zu wollen. Es ist nicht cool, in diesem Alter anders zu sein. Ihre Rebellion entsteht aus einer großen Not, sie kämpft um bedingungslose Akzeptanz und Liebe. Der Kampf ist seltsam, aber das ist ihre Art, Leute an sich zu binden: Sie versucht das, indem sie sie verstört.

Helens anfangs positiv gezeichnete, eigenwillige, experimentelle Sexualität bekommt ja im zweiten Teil des Films auch noch andere, düstere, selbstverletzende Aspekte.
Das ist meine und David Wnendts Interpretation des Buchs, das kann man sicher auch anders sehen, und in der Rezeption des Buches ist das Publikum vielleicht eher auf diese freizügige Helen eingestiegen. Ich glaube natürlich, dass Sexualität und Nacktheit wichtige Themen sind, aber sie sind in unserer Gesellschaft auch nicht mehr so umstritten. Ich finde da Themen wie Scheidungskinder oder Einsamkeit wichtiger. Wir alle sind, glaube ich, zum Teil einsam und überspielen das. Helen macht das zur Perfektion – ohne Selbstmitleid, das hat mich berührt, da kann man was lernen von ihr.

Ist Charlotte Roche für Sie ein Vorbild?
Ich mag sie. Bei unserer ersten Begegnung war ich sehr nervös, ich bin als Helen ja irgendwie ihr Kind, sie ist meine Schöpferin. Wir können beide Menschen lesen, ein bisschen telepathisch, wir kennen die Geheimnisse von Helen, aber wir sprechen nicht darüber. Charlotte hat den Mut, sich gegen das Parfümierte in unserer Gesellschaft zu stellen. Aber Kreativität ist nie etwas Sauberes. Als Kinder sind wir auch in den Sandkasten gegangen, und wie viele Bakterien sind da drin! Man wird ja heute richtig dahingehend dressiert, was richtig oder falsch ist. Als Kind ist man noch nicht voreingenommen.

Charlotte Roche versteht es auch, geschickt zu provozieren.
Ja, es kann vorkommen, dass sie irgendwo mit gebrauchten Tampons auftaucht. Alle Religionen begreifen die Menstruation als etwas Schmutziges. Dabei ist das doch ex­trem kraftvoll, fast einschüchternd, einmal im Monat zu bluten, ohne eine Wunde zu haben. Deswegen waren wir Hexen und nicht die Männer – weil wir diese Kraft haben. Wir leben auf jeden Fall in einer patriarchalischen Gesellschaft, das ist noch nicht fifty-fifty.

Verstehen Sie sich persönlich als Feministin?
Ja, sicher. Deswegen mochte ich auch diese Helen, die einfach nach ihren eigenen Regeln spielt, gegen die Strömung geht. Sie macht das als Überlebensstrategie. Dass das als Feminismus interpretiert werden kann, ist sicher eher Charlottes Anliegen.

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Foto: David von Becker

Wie sind Sie Schauspielerin geworden?
Ich bin nicht mit dem Wunsch aufgewachsen, Schauspielerin zu werden. Das war eine andere Welt in meiner Kindheit, dort ist man Maler oder Dichter in den Bergen, wenn man Künstler ist. Für uns war jemand wie Giacometti ein Vorbild, das habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Ich hatte eine ziemlich liberale Erziehung, sehr naturbezogen, ich wusste immer schon: Es gibt etwas Größeres als dich, das spürt man in den Alpen jeden Tag. Diese Mystik des Unbekannten hat mich immer interessiert, das bringt die Natur ein bisschen mit sich. Schauspiel war eher Zufall, ich habe mit 19 begonnen, und es eigentlich gleich verstanden. Denn ich habe bemerkt, dass es eine Mischung vieler Kunstformen ist, die mich interessieren: Fotografie, Poesie, Geschichte.

Haben Sie Vorbilder, Lieblingsschauspieler?
Sie sind alle schon gestorben. Giulietta Masina. Fernandel. Sie erinnern mich an Filme, die ich als Kind gesehen habe, die den Raum gefüllt haben. Das war eine Magie.

Interview: Bert Rebhandl

Foto: David von Becker

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