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„Carlos – Der Schakal“ im Kino

Carlos - Der Schakal

Mehr als hundert Figuren, ein vielsprachiges deutsch-französisch-arabisch-venezuelanisches Ensemble, fünfeinhalb packende Stunden Erzählzeit. Ein solches Monumentalwerk auf die Leinwand zu bringen, ist schon ein Abenteuer für sich – und in einem Kinomarkt, in dem die ambitioniertesten Werke nach ihren Festival­premieren oft liegen bleiben, doppelt bemerkenswert. Von Beginn an hat Olivier Assayas „Carlos – Der Schakal“, seine von Canal+ produzierte Miniserie, als Kinofilm angelegt. In zwei unterschiedlich langen Fassungen läuft das Werk jetzt  an, die prächtige 330 Minuten-Version hatte zuvor in Cannes Premiere.
Carlos - Der Schakal„Carlos“ ist ein Cinemascope-Film, weit ausgreifend in jeder Hinsicht und dabei zugleich ganz auf seinen zentralen Protagonisten konzentriert: Das Eintauchen ins Universum des Terrorismus der Siebziger- und Achtzigerjahre bringt in der Gestalt von Carlos (energetisch und mit größtem physischen Einsatz verkörpert von Edgar Ramirez) nicht nur eine Wiederbegegnung mit dem schillerndsten und berüchtigsten Protagonisten dieser Politszene, sondern ist auch im besten Sinn aufklärerisches Kino. Assayas, französischer Autorenfilmer mit ausgeprägter Lust am Durchlöchern von Genregrenzen („Demon Lover“, „Irma Vep“) hat mit seinem Rechercheteam einen Weg durch die oft undurchsichtigen Quellen gefunden. Ein komplexes, immer wieder stupendes Bild des Systems, in dem Carlos agierte, ist der Lohn für diese Arbeit – Kino, das mit den mörderischen Konflikten innerhalb der Terroristenszene, aber auch immer wieder mit dem reinen Wahnwitz der Zeitgeschichte fesselt. Songs von The Feelies und New Order treiben die Bilder der Gewaltkarriere dynamisch voran, während Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach und Julia Hummer als Revolutionäre Zellen den deutschen Beitrag zur Eskalation der Gewalt leisten. Wie ihre Aktionen vom OPEC-Überfall bis zum ETA-Terrorismus ins autoritäre Geflecht des Mächtespiels zwischen Ost und West, Syrien, Irak, DDR, UdSSR und West­europa eingewoben sind, rekonstruiert Assayas’ Film mit Leidenschaft und souveräner Ironie.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Carlos – Der Schakal“ im Kino in Berlin

Carlos – Der Schakal (Carlos), Frankreich/Deutschland 2010; Regie: Olivier Assayas; Darsteller: Edgar Ramirez (Ilich Ramнrez Sбnchez alias ‚Carlos‘), Nora von Waldstätten (Magdalena Kopp), Alexander Scheer (Johannes Weinrich); 330 bzw. 187 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 4. November

 

Zusatzinformationen: Kampfname „Carlos“

Ilich Ramнrez Sбnchez, 1949 als Sohn eines marxistischen Anwalts in Caracas geboren (seine Brüder heißen Wladimir und Lenin), bewies schon früh einen Hang dazu, ausschließlich sich selbst als Autorität anzuer­kennen. Von der Patrice-Lumumba Universität in Moskau flog er 1970 wegen ungebührlichen Verhaltens, vielsprachig und weltgewandt schloss er sich danach dem bewaffneten Kampf der Palästinenser an, den er mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) internationalistisch führen wollte. Als „Carlos“ wurde er in der internationalen Terrorszene aktiv, schloss Allianzen mit den deutschen Revolutionären Zellen und der baskischen ETA, arbeitete für den KGB, Lybien, Syrien und Irak, mit Basen in Ost-Berlin und Budapest. Seine spektakulärste Operation war der Überfall auf die OPEC-Ölministerkonferenz in Wien 1975. 1994 wurde Carlos vom Sudan ausgeliefert, seit 1997 sitzt er in einem Gefängnis bei Paris eine lebenslängliche Haftstrafe ab.

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