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Carlos Sauras „Flamenco, Flamenco“

FlamencoGetanzt wird im Kino von Anfang an. Warum auch hätte es dem Bewegungsrausch widerstehen sollen? Aber manche Formen kommen erst mit dem Tonfilm zur Geltung – wie der Flamenco, eine Ausschweifung des lautstarken Insistierens. Kein Wunder, dass Carlos Saura nicht von ihm loskommt. Immerhin ist er eine Geste nationaler und individueller Selbstbestimmung, hat sich historisch Bahn gebrochen nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Napoleon.

Nach einer Flamenco-Trilogie der 1980er-Jahre („Carmen“, „Bluthochzeit“, „Liebeszauber“), die noch ein Handlungsgerüst für ihre Choreografien brauchte, erforscht Saura ihn zusehends in seiner Reinform. In „Flamenco“ spürte er 1995 seinen zahlreichen Wurzeln nach, anderthalb Jahrzehnte später schaut und hört er zu, wie sich die Folklore Andalusiens neu erfindet. Diese Neuerung reflektiert er im Rückblick auf die Tradition. Eine elegante, zielstrebige Kamerafahrt führt den Zuschauerblick durch eine Galerie historischer Darstellungen. Sie entdeckt uns Gemälde, Stiche und Zeichnungen von Goya bis Picasso, die Saura sodann zu zeitgenössischem Leben erweckt.

Seinen enzyklopädischen Furor hat er diesmal in einer strengeren theatralen Form gebändigt. 21 Nummern repräsentieren die Stationen des Lebensweges, Licht- und Farbdramaturgie verdichten ihn auf den Ablauf eines Tages. Auch diesmal gebieten Variationsreichtum und visuelle Fantasie, das Schillern zwischen Reduktion und Überschwang über Wohl und Wehe des Vorhabens. Monotonie will sich nicht einstellen, allzu souverän versteht es der Regisseur, seine Lust an akustischen und visuellen Attraktionen dem Publikum zu vermitteln.     

Text: Gerhard Midding
Foto: Kairos Filmverleih
tip-Bewertung: Sehenswert

Flamenco, Flamenco: Orte und Zeiten in Berlin
Spanien 2010; Regie: Carlos Saura; 97 Minuten

Kinostart: 23. August

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