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Die Causa Jafar Panahi

Jafar Panahi in

Ein Morgen in Teheran, Mitte März 2011, Tag des Feuerfestes. Der Blick aus dem weitläufigen Apartment geht auf den Horizont der Stadt und auf die Hochhaustürme, die sie überragen. Jafar Panahi richtet sich in der Küchenecke ein und frühstückt ein Brötchen. Nachrichten-Check auf dem iPhone. Dann ein Knall, möglicherweise ein Schuss, aber das denkt man nur, weil gleich darauf eine Polizeisirene zu hören ist. Der Kontext bestimmt immer, welche Bedeutung das Gesehene oder Gehörte hat.
„In film nist“ (This Is Not A Film) heißt der Film, der mit dieser Szenen eröffnet. Es ist ein Film, den es eigentlich nicht gegeben dürfte. Mit Geschick und bitterem Witz zieht Jafar Panahi darin seine eigenen Schlüsse aus dem Urteil, das über ihn im Dezember 2010 verhängt wurde. Ein iranisches Gericht hatte ihn und seinen Regisseur-Kollegen Mohammad Rasoulof zu einer sechsjährigen Haftstrafe und zu 20-jährigem Schreib- und Regieverbot verurteilt, ein Urteil, das nun bestätigt wurde.
Grund: „Propaganda gegen das System“, weil die beiden einen Film über die Unruhen nach der Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad geplant hätten. In der Wohnung, in der Rasoulof und Panahi Anfang März 2010 verhaftet worden waren, spielt nun Panahis Film beinahe zur Gänze. Und auch in einem anderen Sinn setzt er fort, was dort begonnen worden war. Die Verhaftung der beiden, gemeinsam mit einem Dutzend anderer Personen, erfolgte bei einer Drehbuchlesung für Panahis nächsten Film über den Freiheitsdrang einer jungen Frau. Als das erste Drittel des Scripts gelesen war, wurde die Wohnung gestürmt: und „die Schwierigkeiten begannen“.
In Film NistWie sich die Arbeit als Filmemacher  weiter verfolgen lässt, ohne das Regie-Verbot zu übertreten, ist die vordergründige Frage in diesem Film, der von sich sagt, dass er keiner ist. Das Inszenierungs-Verbot hat Panahi schon in einem offenen Brief, der bei der Berlinale 2011 verlesen wurde, explizit thematisiert, damals noch ohne die Lösung für das Dilemma in Aussicht zu stellen, die das Werk nun präsentiert.[1] „In film nist“ hat zwei Regisseure, einen offiziellen (Mojtaba Mirtahmasb) und einen inoffziellen (Panahi). Er erzählt dokumentarisch im Stil eines Homemovies, aber zugleich stellt sich spätestens im letzten Akt die Frage, ob es in der Inszenierung der Dokumentation nicht auch eine handfeste fiktionale Ebene gibt. Er ist Dokudrama, Skizze eines ungedrehten Spielfilms, absurde Komödie, Creature Feature mit Leguan und Dackel, Fanal der kommenden Revolution und die bittere Geschichte erlittenen Unrechts.
Ein Telefonat steht am Beginn des ersten Akts, ein Anruf bei Panahis (mit vergleichbaren Fällen viel beschäftigter) Anwältin Farideh Gheyrat, die ihrem Klienten keine Hoffnungen machen will, dass die Haftstrafe gegen ihn ganz aufgehoben werden könnte. Das zusätzliche zwanzigjährige Arbeitsverbot werde vielleicht fallen gelassen, das Urteil vielleicht abgeschwächt  – aber: „Die Haftstrafe ist sicher, da lassen die Sie nicht raus. Außer es gibt extremen Druck von innen“.
Das Medium ist hier, wie in anderen Szenen, das iPhone Panahis, es holt die Welt zurück in die Wohnung, die sich ohnehin nicht gänzlich abschotten lässt. Laut gestellt wird das Telefon zur Öffnung aus dem selbst gewählten Hausarrest, später ist es selbst Aufzeichnungsgerät, das im Schuss-Gegenschuss den (Ko-)Regisseur Mirtahmasb und seine Kamera sichtbar macht. „Wenn Friseure nichts zu tun haben, scheiden sie sich gegenseitig die Haare“, amüsiert sich Mirtahmasb über die gegenseitige Bespiegelung.

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