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„The Celluloid Curtain“ im Zeughauskino

CommandoAuch das Meisterwerk des europäischen Spionagethrillers darf natürlich nicht fehlen: In Martin Ritts düsterer John-le-Carrй-Verfilmung „The Spy Who Came in From the Cold“ (1965) wird der Plot selbst für die Protagonisten undurchschaubar; kein anderer Agentenfilm macht das schmutzige Geschäft und die völlige Desillusionierung der Akteure so greifbar wie die Geschichte um den britischen Agenten Alec Leamas (Richard Burton), der am Ende eines Auftrags in der DDR erkennen muss, dass seine Vorgesetzten ihn und seine Freundin für eine in jeder Hinsicht unmoralische Charade missbraucht haben.
Keine Zweifel am Agentenberuf hegt hingegen der grundsolide ostdeutsche Held des DEFA-Thrillers „For Eyes Only“ (1963), der sich in groben Zügen an eine wahre Begebenheit anlehnt: Während die amerikanischen Geheimdienstler in Westdeutschland, deren Organisation er infiltriert hat, im Film allesamt liederliche Säufer und Frauenhelden sind, denkt er allein ans Vaterland – und an seinen Sohn, den er als vermeintlicher Republikflüchtling im Arbeiter- und Bauernparadies zurücklassen musste. Die angeblichen geheimen Aufmarschpläne der Amerikaner für einen Krieg gegen die DDR, die der Held schließlich stiehlt, dienten der politischen Führung in Ostberlin seinerzeit auch als Rechtfertigung für den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“.
Die gleiche Stoßrichtung besitzt auch der sowjetische Film „Skorets i Lira“ (1974) von Grigori Aleksandrov: Superkapitalisten und Ex-Nazis beherrschen die Bundesrepublik der Adenauerära, gierige Adelige und Priester träumen von einer Wiederauferstehung des Großdeutschen Reichs, der Angriff auf die Sowjetunion steht kurz bevor. Mittendrin: zwei aufrechte Sowjetagenten die allen Anfechtungen trotzen. Der Film wurde  in der UdSSR nicht mehr im Kino ausgewertet – ob sich dieser Umstand allerdings der inzwischen eingetretenen Entspannungspolitik verdankt oder der Tatsache, dass man diesen in jeder Hinsicht unglaublichen Trash niemandem zumuten mochte, darüber streiten die Gelehrten. Die unfreiwillige Ironie des Films war den Verantwortlichen sowieso völlig entgangen: Am Ende kann die  – von der für ihre Rolle mindestens dreißig Jahre zu alten Regisseurgattin Lyubov Orlova gespielte – sowjetische Heldin eine Gruppe friedliebender Wissenschaftler nur deshalb vor einem Bombenattentat bewahren, weil sie in einem zuverlässigen Auto westdeutscher Produktion mit 180 Sachen auf der tadellosen westdeutschen Autobahn zur Rettung rast. Man stelle sich nur vor, sie hätte in einem Trabant gesessen.

Text: Lars Penning

The Celluloid Curtain – Europe‘s Cold War in Film, Filmreihe im Zeughauskino; Mi 1.6. bis Mi 22.6.

www.celluloid-curtain.eu

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