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„The Celluloid Curtain“ im Zeughauskino

Skvorets i lira

Unbestritten war Berlin während des Kalten Krieges die Hauptstadt der Agenten und Spione, der realen ebenso wie jener, die uns im Kino beider Blöcke davon überzeugen wollten, jeweils auf der richtigen Seite der Mauer zu stehen. Nirgendwo sonst trafen Ost und West so unvermittelt aufeinander wie in Berlin, nirgendwo sonst wurde der Propagandakampf erbitterter geführt.
Insofern ist das Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums ein idealer Ort für die vom Goethe-Institut London initiierte und bereits im Mai in der englischen Hauptstadt gezeigte Filmreihe „The Celluloid Curtain – Europe‘s Cold War in Film“, die uns noch einmal zurückblicken lässt auf ein Filmgenre, das in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren irgendwo zwischen poppigen Pistolenthrillern wie „Comando de asesinos“ (1966) und beinharter, ziemlich plumper Polit-Propaganda („For Eyes Only“, 1963) oszillierte. Hunderte von Filmen haben sich die Kuratoren Oliver Baumgarten und Nikolaj Nikitin nach eigener Aussage angesehen, elf Spielfilme und eine Dokumentation wurden für die Reihe schließlich ausgewählt, allesamt europäische Produktionen, die als Fallbeispiel stehen können für bestimmte Ideen und politische Entwicklungen oder auch für kommerzielle Erwägungen.
For Eyes OnlySo zeigt etwa der rumänische Eröffnungsfilm „S-A furat o bomba“ (1961), eine dialoglose satirische Slapstickrevue,  auf vergnügliche Weise, wie das damals war mit der Atombombe: Jeder will sie unbedingt haben – zugleich haben aber auch alle so viel Angst davor, dass sie sie möglichst schnell wieder loswerden wollen. Und während Fritz Langs „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960) die ausgeklügelte Überwachungstechnik eines Hotels, die ein größenwahnsinniger Verbrecher für seine egoistischen Zwecke nutzt, mit der Nazi-Ära verlinkt und damit deutlich macht, wie wenig er von derartigen Spionagemachenschaften hält, propagiert  der polnische Film „Spotkanie ze szpiegiem“ (Rendezvous with a Spy, 1964) ganz offen den totalen Überwachungsstaat: Nur in der reibungslosen Zusammenarbeit von Spionageabwehr, Militär und Polizei lassen sich die Feinde des Sozialismus unschädlich machen.
Intelligenter geht es da in dem ungarischen Film „Fotу Hбber“ (1963) von Zoltбn Vбrkonyi zu, einem spannenden Drama um einen in einen Spionagering eingeschleusten „Maulwurf“:  Die Propaganda erscheint weniger plump und offensichtlich, die Charaktere dafür erheblich ausgefeilter – ansatzweise macht der Film dabei auch deutlich,  wie sehr die Protagonisten unter dem Stress leiden, in einer Welt zu leben, in der jeder jedem misstraut und man sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegenseitig bespitzelt.
Eine interessante Schizophrenie entwickelt das bulgarische Werk „Nyama nishto po-hubavo ot loshto vreme“ (There’s Nothing Finer Than Bad Weather, 1971). Einerseits muss der Held, ein bulgarischer Topagent auf Mission in Westeuropa, hier pflichtschuldigst seine Abneigung gegen die dekadente Jazzmusik und moderne Kunst kund tun, anderseits zeigt sich der Film selbst total fasziniert von westlicher Kultur: Immer wieder wird die Glitzerwelt des Berliner Ku’damms gezeigt, die vom Plot erstaunlich wenig vorangetriebene Handlung ist exzessiv mit Rock- und Jazzmusik unterlegt, und jenseits aller Propaganda unternimmt Regisseur Metodi Antdonov verblüffende inszenatorische Abschweifungen, die ihn durchaus als einen Kenner von Godard- und Truffautfilmen ausweisen. Wichtiger als den westlichen Spionagering zu sprengen, scheint es für den Helden zu sein, mit einem Mädchen Fahrräder zu klauen und verliebt durch den Regen zu radeln.

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